Schamanische Arbeit erinnert uns daran, dass wir Teil der Ordnung der Natur sind.
Ein Mensch kann mähen, pflügen, pflastern oder bauen. Er kann eine Wiese verändern. Einen Acker anlegen. Einen Parkplatz bauen. Ein Haus errichten. Doch sobald er aufhört einzugreifen, beginnt die Natur, ihre eigene Ordnung wiederherzustellen. Zuerst erscheinen Kräuter. Dann Gräser. Später Sträucher. Schließlich Bäume. Niemand pflanzt sie. Niemand gibt Anweisungen. Niemand entscheidet, welche Pflanze zuerst kommt. Es geschieht. Wir nennen das Natur.
Warum erkennen wir diese Ordnung in der Natur – aber so selten in unserem eigenen Leben? Niemand zieht an einer Knospe. Niemand fordert vom Apfelbaum im März Äpfel. Niemand wirft einem Buchenblatt vor, dass es im Oktober loslässt. Auch wir haben Jahreszeiten. Doch wir erlauben uns unseren Winter nicht. Wir erwarten, dass Trauer möglichst schnell vergeht. Angst soll verschwinden. Wut darf keinen Platz haben. Dass wir funktionieren, obwohl uns gerade der Boden unter den Füßen fehlt.
Von uns verlangen wir, was wir von keinem Baum und keiner Wiese verlangen würden. Wir erleben Abschiede. Krankheit. Verlust. Und Zeiten, in denen nichts zu wachsen scheint. Eine Knospe öffnet sich nicht, weil die Sonne an einem einzigen Tag scheint. Sie öffnet sich auch nicht, weil wir darauf warten.
Wochenlang geschieht scheinbar nichts. Und doch verändert sie sich mit jedem Tag. Wer durch einen Wald geht, sieht viele einzelne Bäume. Jeder steht an seinem eigenen Platz. Jeder wächst in eine andere Richtung. Keiner gleicht dem anderen. Manche sind jung. Manche alt. Manche tragen Narben. Andere wachsen kerzengerade dem Licht entgegen.
Und doch ist keiner von ihnen allein der Wald. Zwischen ihnen wachsen Farne. Moose bedecken den Boden. Pilze erscheinen nach dem Regen. Vögel ziehen von Baum zu Baum. Jeder Baum erzählt seine eigene Geschichte. Und doch gehört sie zum Wald.
Ein kleines Naturritual
Es geschieht.
Suche dir einen Platz im Wald.
Setze dich zehn Minuten auf einen Baumstamm.
Lasse deinen Blick kreisen.
Bis deine Augen an einem Baum ruhen.
Schließe die Augen und Lass den Wald
einen Augenblick so sein, als wärst du nicht da.
Nur der Kontakt mit Baum, erinnert dich an Leben.
Spüre die Verbindung des Baumes
mit den andren Bäumen des Waldes.
Mit den Farnen, den Pilzen, den Vögeln.
Nimm wahr, wie unterschiedlich die Bäume sind.
Jeder Baum erzählt seine eigene Geschichte.
Keine Hierarchie, kein Besser oder Schlechter.
Nur das Dasein zählt.
Öffne die Augen.
Geh zu dem Baum, der dich während dieser Zeit
begleitet hat.
Lege beide Hände an seinen Stamm.
Bleibe einen Moment stehen.
Nimm diese Erfahrung mit nach Hause.
