Ahnenaufstellung

Niemand kommt aus Neugier zu einer Ahnenaufstellung.

Manche Menschen tragen eine Frage seit Jahren mit sich. Sie alle kommen mit einer Geschichte. Ich höre zu. Oft erzählen Menschen lange.

  • Von ihrer Familie.
  • Von Streit.
  • Von Trauer.
  • Von Schmerz.

Ich unterbreche sie nicht. Irgendwann bitte ich sie: „Fasse alles, was du gerade erzählt hast, in einem Wort zusammen. Manchen Menschen fällt diese Bitte schwer. Nach einer langen Geschichte ist es oft gar nicht so einfach, das Wesentliche in einem Wort auszudrücken. Dann frage ich weiter: „Welches Gefühl begegnet dir immer wieder?“

Aus einer langen Geschichte ist ein Wort geworden. Es wird zur Überschrift der Ahnenaufstellung. Dann bitte ich den Menschen, einen Stein auszuwählen, der zu diesem Wort passt. Manche Menschen greifen sofort zu. Andere schauen erst eine Weile, bevor sie ihn in die Mitte legen. Erst wenn der Stein seinen Platz gefunden hat, richtet sich der Blick auf die Familie und die Ahnen. Wir schauen gemeinsam. Nicht auf der Suche nach Schuld. Nicht auf der Suche nach Beweisen. Sondern mit der Frage: Was zeigt sich?

Ich frage: „Wenn du das Ahnenrad anschaust – was fällt dir auf?“ Manchmal wird es still. Der Blick wandert von einem Stein zum anderen. Wenn es stockt, frage ich weiter: „Schau einmal auf die Beziehungen der Steine. Wie liegen sie zueinander? Wie liegen sie zum Stein in der Mitte?“

 

Ahnenaufstellung

Manchmal kann Stille zur Belastung werden. Dann beschreibe ich meine Wahrnehmung. Manchmal spreche ich dabei aus der Sicht eines Ahnen. Danach frage ich nicht: „Stimmt das?“ Sondern: „Ist das für dich stimmig?“ Danach richten wir den Blick noch einmal auf das Ahnenrad. Manchmal verändert schon dieser zweite Blick etwas.

Die Urgroßmutter konnte weder lesen noch schreiben. Die Großmutter musste schon als Kind auf dem Feld arbeiten. Die Mutter fühlte sich lange wie das fünfte Rad am Wagen. Die Tochter führte ein gutes Leben – und verstand ihre Depression trotzdem nicht. Als wir die Frauen nebeneinander sahen, wurde die Scham leiser.

Manchmal höre ich am Ende einer Ahnenaufstellung Sätze wie: „Ich muss nicht alles auf meine Schultern nehmen.“ „Ich brauche diesen Schmerz nicht, um dir nah zu sein. „Manchmal fließen Tränen. Nicht immer aus Trauer. Am Ende nimmt jeder Mensch seinen Stein mit nach Hause. Nicht alles endet an diesem Tag. Manches darf in Ruhe weiterreifen. 

Am Ende braucht es manchmal nur noch einen stillen Moment.

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