Nordische Magie

Nachlesen – die verborgenen Fäden des Schicksals

Zwei Krähen (c) Daniil Pogodin - Depositphotos

Eine Krähe greift der anderen nicht ins Auge, besagt ein Sprichwort. Obwohl ich Gewalt ablehne, bekenne ich mich nun als Nestbeschmutzer, was wohl auch symbolisch gemeint ist. Ich bin auch keine Krähe, aber eine Person, die schamanisch tätig ist.

“Schamanen” sprießen wie Pilze aus dem Boden. Kurze Zeit nach Abschluss einer schamanischen Ausbildung bieten bereits “Neuschamanen” ihre eigenen Ausbildungen an. Dabei wird oft mit langjähriger Erfahrung geworben, was in Wirklichkeit irreführend ist. Ein Schamane wird man nicht nach einem Wochenende, auch nicht nach vielen Wochenenden. Selbst eine Einweihung (Weitergabe von Geheimwissen) macht noch keinen Schamanen. Nur die geistige Welt bestimmt den Zeitpunkt, ab dem man sich tatsächlich als Schamane bezeichnen sollte.

Nach einem Wochenendseminar kann man zwar schamanische Praktiken anwenden und Kontakt zur geistigen Welt herstellen, aber es ist ratsam, nicht zu früh mit ratsuchenden Menschen zu arbeiten. Bevor man selbst eine schamanische Ausbildung anbietet, sollte man viel Erfahrung gesammelt haben. Auf diese Weise können zukünftige Schamanenanwärter von dem erworbenen Wissen und der Erfahrung der erfahrenen Lehrer profitieren.

Schamanische Ausbildungen sind heutzutage profitabel, was erklärt, warum so viele Anbieter den Markt überschwemmen. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Schamanismus auf der ganzen Welt verbreitet war. Seitdem sich der Mensch vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren über die Erde ausgebreitet hat – einige Wissenschaftler behaupten sogar früher -, gab es immer “Wissende”, die einen besonderen Zugang zur Natur hatten und die Zeichen richtig deuten konnten.

Diese besonderen Menschen waren für das Überleben der Gemeinschaft entscheidend, da sie Jagdwild finden konnten und wussten, welchen Weg sie einschlagen sollten. In unserer modernen Zeit können wir leicht in entlegene Orte reisen und werden durch Medien mit verlockenden Berichten und Bildern dazu ermutigt, auch die unberührtesten Orte der Erde zu erkunden. Dadurch kommen wir auch mit verschiedenen Formen des Schamanismus in Kontakt, die je nach Kontinent unterschiedlich geprägt sind. Es wird deutlich, dass Schamanismus keine einheitliche Praxis ist.

Die Ausbildung eines Schamanen der indigenen Völker verlief in mehreren Stufen, die sich über einen langen Zeitraum hinzogen. Die Ausbildung zum Schamanen war extrem individuell, mit isolierenden, oft leidensbetonten Formen und teilweise lebensgefährlichen Elementen. Je nach Tradition wurden traditionelle Schamanen-Anwärter tätowiert oder skarifiziert. Es wurden ihnen Wunden zugefügt oder Beschneidungen vorgenommen. Sie wurden mit Drogen vollgestopft, so dass sie vollkommen verwirrt waren und sich im psychedelischen Dämmerzustand befanden. In diesen Momenten erscheinen ihnen die Götter, Geister und Dämonen leibhaftig. 

Nach den Vorstellungen vieler schamanischer Traditionen kann ein Mann oder eine Frau nur durch Berufung Schamane werden. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten, beide Berufungsformen bestehen in schamanischen Kulturen oft nebeneinander:

  • Von elterlichen Schamanen wird man mit Hilfe eines Initiationsrituals zum Schamanen berufen
  • Bereits anerkannte Schamanen erwählen einen Außenstehenden

In alten Zeiten war der “Job” des Schamanen unbeliebt, da die schamanische Tätigkeit nach der Arbeit des Alltags erledig werden musste, das  bedeutete schlichtweg zusätzliche Arbeit.

Schamanismus orientiert sich immer an die Bedürfnisse des eigenen Volkes.

Schamanin mit Stab im Wald (c) Evgeniia Litovchenko - Depositphotos

Das Klappern gehört zum “Geschäft”, wie meine Ayurveda-Lehrerin einmal bemerkte. Heutzutage ist eine Internetpräsenz für viele Selbstständige fast schon obligatorisch. Es ist üblich, ein schamanisches Angebot im Internet zu präsentieren. Durch eine Website kann man einen ersten Eindruck davon gewinnen, wie und was jemand kommuniziert. Auf einer Website sollte deutlich erkennbar sein, woher die Herkunft und das Wissen eines Anbieters stammen, also wie er zu seinem schamanischen “Handwerkszeug” gekommen ist. Die schamanische Ausrichtung eines Anbieters sollte ebenfalls berücksichtigt werden, wenn man sich für einen schamanisch Tätigen entscheidet.

Es gibt mehrere Möglichkeiten ein Schamanisch Tätiger zu werden.

  1. Man absolviert eine schamanische Ausbildung bei einen „anerkannten“ schamanischen Lehrer.
  2. Das autodidaktisches Lernen (Führung durch die Geister).
  3. Die Filterung von Mythen und Sagen, die schamanische Inhalte haben.  Hieraus entwickelt man eine „praxistaugliche Arbeitsweise“. 

Was ist ein anerkannter schamanischer Lehrer?

Meiner Ansicht nach kann der Titel “Schamane” nicht aus eigener Ermächtigung gewählt werden. Weder durch Seminargebühren, Fleiß noch Wissen kann man sich den Titel Schamane aneignen. Die geistige Welt (Spirits) entscheidet darüber, ob Heilungserfolge bei Menschen eintreten. Schamanisch Tätige sind lediglich die hohlen Knochen, durch die die Spirits wirken. Klienten, die Weiterentwicklung und Heilung durch einen schamanisch Tätigen erfahren haben, verleihen ihm den Titel “Schamane”.

Ich finde es bedenklich, wenn Kundenakquise über Plattformen wie Ebay Kleinanzeigen betrieben wird. Es gibt spezielle Anbieter für Therapeuten und Heiler, auf denen man Präsenz zeigen und sein Angebot bewerben kann. Allerdings erfordern diese Plattformen eine Investition, die manche vielleicht scheuen, da die Neukundengewinnung über Therapeutenseiten als schwierig empfunden wird.

Schamanismus ist eine kosmische Angelegenheit, doch Schamanen sind auch nur Menschen. Wer schamanische Heilarbeit anbietet, sollte seine eigenen Heilungsprozesse abgeschlossen haben und eine demütige Haltung einnehmen. Leider fehlt es manchen schamanisch Tätigen an dieser Demut.

Auf schamanischen Internetseiten findet man vermehrt Bewertungen und Referenzen von Klienten. Dies dient nicht nur dem Marketing, sondern auch dem eigenen Ego des Anbieters. Ein verantwortungsbewusster Schamane sollte keine Abhängigkeiten schaffen und sein Ego nicht durch Klienten oder Schüler nähren. Falls dies dennoch geschieht, hat er noch eigene Entwicklungsschritte zu gehen.

In einem multikulturellen Land wie unserem hat das Interesse an fernländischer schamanischer Arbeit Einzug gehalten. Viele schamanisch Tätige bieten exotische Angebote aus weit entfernten Ländern an – aber ist das wirklich notwendig? Schamanische Praktiken sind oft auf bestimmte Völker zugeschnitten. Es gab und gibt auch bei uns in Europa immer Heilkundige mit eigenen Namen und Traditionen in ihren Tätigkeiten.

Lachsnerin (Besprecherin, Zauberin, die von künftigen Dingen durch das Los weissagt).

Hag-Sitzerin oder Hagazussa (Hexe). (Ein Hag ist eine Hecke, die die bekannte Welt des Hofes und Heimes von der unbekannten weiten Welt trennt oder diese beiden Welten verbindet). Sie sitzt in der Hecke, an der Schwelle zwischen der Natur und der Kultur, zwischen der Welt der Geister und jener der Menschen).

Zaunreiterin (Auf dem Zaun zwischen den Welten Sitzende/Reitende. Die‚ „zwischen den Welten lebt“ und zwischen ihnen zu vermitteln versteht“).

Spökenkieker ist ein niederdeutscher Ausdruck für Menschen, denen die Gabe des Zweiten Gesichts zugesprochen wird. Der niederdeutsche Begriff Spökenkieker kann dabei mit „Spuk-Gucker“ oder „Geister-Seher“ ins Hochdeutsche übersetzt werden. Spökenkiekern wird die Fähigkeit nachgesagt, in die Zukunft blicken zu können.

Seher (eine Fähigkeit des Hellsehens (Außersinnliche Wahrnehmungen) oder der Fähigkeit, ein zukünftiges Ereignis oder einen Sachverhalt wahrzunehmen oder vorherzusagen).

Besprecher Jeder Besprecher hat seine eigene Art. Zum Besprechen gehört der „Besprechspruch“, der traditionell gemurmelt wird. Das stille Gebet ist ebenso wirkungsvoll.

Schamanismus ist das älteste Heilsystem der Welt. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum beispielsweise Schamanische-Kinesiologie (Kinesiologie wurde 1982 als Behandlungskonzept entwickelt) oder Reiki-Schamanismus angeboten wird. Usui Mikao eröffnete 1921 eine Reiki-Klinik, daher handelt es sich bei Reiki sowie bei der Kinesiologie um “neuere Methoden”. Diese Tatsache sagt nichts über die Effektivität von Reiki, Kinesiologie oder anderen Heilkonzepten aus.

Derzeit wird schamanische Arbeit in verschiedenen Formen angeboten, da sie offensichtlich gefragt ist und viele davon profitieren möchten. Anbieter versuchen, Schamanismus mit verschiedenen Methoden, Systemen und Konzepten zu verbinden. Dadurch wird die ursprüngliche Arbeit, die unzählige Möglichkeiten zur Heilung bietet, verfälscht, verwässert und “verdorben”. Der Glaube an Geister ist ein wesentlicher Bestandteil der schamanischen Arbeit, der bei Vermischungen mit anderen Heilungssystemen oft ignoriert und vernachlässigt wird.

Schamanismus war und ist innovativ, da er sich am Menschen und an seiner Weiterentwicklung orientiert. Es ist völlig unnötig, schamanische Arbeit mit anderen Methoden zu “vereinen”. Sie ist an sich außerordentlich kraftvoll und wirkungsvoll.

Es ist völlig ausreichend, gute schamanische Arbeit zu machen.

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