meine schamanische Perspektive !
In der Auseinandersetzung mit Narzissmus begegne ich immer wieder Aussagen, die mehr verhärten und weniger klären, die mehr über unsere Art zu urteilen verraten als über die betroffenen Menschen selbst.
Wenn Narzissten als „leer“, „seelenlos“ oder als reine Hülle beschrieben werden, entsteht zunächst Erleichterung – endlich eine klare Trennlinie zwischen Opfer und Täter. Doch genau hier schnappt die Falle zu. So notwendig es ist, zerstörerisches Verhalten zu verurteilen, so sehr verlieren wir den Boden unter den Füßen, wenn wir dem Menschen dahinter sein Menschsein absprechen.
Dieser Text ist kein Plädoyer für Verständnis und keine Einladung zur Nähe. Er ist der Versuch, zwischen Verantwortung, Grenze und Entmenschlichung zu unterscheiden – aus psychologischer Klarheit und aus meiner schamanischen Sicht auf die Seele. In psychologischen Modellen wird Narzissmus häufig als Folge schwerer frühkindlicher Traumatisierung beschrieben. Die Persönlichkeit formt sich nicht stabil aus, das Selbst bleibt fragil, Beziehungen werden zu Schutz- oder Machtfeldern. Diese Perspektive versucht zu erklären, nicht zu entschuldigen.
Parallel dazu hat sich in der öffentlichen Debatte ein anderer Ton etabliert. Narzissten gelten als leer, als ohne echtes Selbst, manchmal sogar als „ohne Seele“. Diese Zuschreibungen entstehen oft aus tiefer Verletzung – und aus dem Bedürfnis nach einer klaren Grenze. Wer so denkt, will nicht relativieren, sondern sich schützen. Zwischen diesen beiden Sichtweisen klafft eine Spannung, die selten benannt wird. Während die Psychologie um Differenzierung ringt, dominieren in vielen Gesprächen einfache, eindeutige Zuschreibungen.
Narzisstisches Erleben lässt sich nicht auf Beziehungsprobleme reduzieren. Vielleicht greift die Beschreibung einer „gestörten Beziehungsfähigkeit“ zu kurz. Denn was hier sichtbar wird, scheint weniger ein Beziehungsproblem zu sein als ein tiefes Ringen um ein stabiles Empfinden des eigenen Seins. Genau hier beginnt ein Kurzschluss, der mehr berührt als ein Fachthema – er betrifft unser Verständnis von Schuld, Verantwortung und Menschlichkeit.
Wo das Empfinden des eigenen Daseins nicht innerlich getragen ist, muss Identität stabilisiert werden. Sie wird aufgebaut, gesichert, verteidigt. In solchen Strukturen bleibt wenig Raum für innere Resonanz – für das freie Mitschwingen mit sich selbst oder mit anderen. Was nach außen hin als Kälte oder Abwesenheit erscheint, ist oft kein Fehlen, sondern das Ergebnis eines permanenten inneren Sicherungsprozesses.
Es ist, als wäre das menschliche Dasein nicht bewohnt, sondern bewacht. Energie wird gebunden, festgehalten, unter Kontrolle gehalten. Wo kein innerer Halt erfahren wird, entsteht kein Raum, in dem etwas einfach sein darf. Das wirkt nach außen kalt oder leer – ist jedoch Ausdruck eines permanenten inneren Alarmzustands.
In diesem inneren Zustand sind bestimmte Verhaltensweisen kein Zufall. Kontrolle, Abwertung, Überhöhung des eigenen Standpunkts oder der Versuch, das Gegenüber zu dominieren, dienen nicht primär der Machtausübung, sondern der Stabilisierung. Sie halten ein inneres Gleichgewicht aufrecht, das jederzeit zu kippen droht. Nähe wird dabei gefährlich, nicht weil sie unerwünscht wäre, sondern weil sie das fragile Gefüge aus Selbstbild und innerer Sicherheit infrage stellt.
Die daraus entstehenden Verhaltensweisen sind oft eindeutig und für andere zutiefst verletzend. Abwertung, emotionale Kontrolle, das Verschieben von Verantwortung oder das Bedürfnis, die eigene Position zu sichern, entstehen nicht aus Stärke, sondern aus dem Versuch, ein inneres Gleichgewicht zu bewahren. Sie schaffen Distanz, wo Nähe destabilisieren würde. Dass dieses Verhalten verletzt, verunsichert und Beziehungen zerstört, bleibt davon unberührt. Verständnis für die innere Funktion ersetzt weder Verantwortung noch die Notwendigkeit klarer Grenzen.
Menschen, die narzisstischem Verhalten ausgesetzt waren, haben realen Schaden erlitten. Verunsicherung, Selbstzweifel, innere Zerrissenheit und der Verlust von Vertrauen – das ist nicht theoretisch, das ist gelebte Erfahrung. Verstehen der inneren Struktur eines Narzissten mindert diesen Schaden nicht. Es erklärt ihn nicht weg. Es heilt ihn nicht automatisch. Und es verpflichtet Betroffene zu nichts. Aus all dem ergibt sich keine versöhnliche Schlussfolgerung. Es gibt kein Happy End, keine einfache Integration, keine Hoffnung im Sinne von Erwartung. Was bleibt, ist eine Haltung.
Man kann einen Menschen konsequent ablehnen, ohne ihn zu entmenschlichen. Man kann spirituell denken, ohne gefährliche Nähe zu propagieren oder Verantwortung aufzulösen. Und man kann Mitgefühl haben, ohne Kontakt, ohne Hoffnung auf Veränderung und ohne Illusion. Gerade diese Unterscheidungen sind notwendig. Nicht um zu versöhnen, sondern um Klarheit zu bewahren. Denn dort, wo Differenzierung verloren geht – durch Dämonisierung oder Verharmlosung –, wird weder den Betroffenen noch der Menschlichkeit gedient.
