Einleitung für sensible Leser:innen!
Dieser Text handelt von Femizid. Er bleibt sachlich und verzichtet auf explizite Beschreibungen, benennt jedoch Gewalt, Verantwortung und gesellschaftliches Versagen klar. Bitte lies ihn in deinem eigenen Tempo und nur so weit, wie es dir möglich ist. Weglegen ist erlaubt. Pausen auch.
Dieser Blog ist Teil meiner schamanischen Praxis. Manche mögen sich fragen, warum hier über Femizid geschrieben wird – über Gewalt, Strukturen, Verantwortung. Über ein Thema, das oft als politisch, schwer oder „nicht spirituell genug“ gilt. Für mich gehört es genau deshalb hierher. Schamanische Arbeit – insbesondere in der Völva- und Seiðr-Tradition – hat ihren Ursprung nicht im Rückzug aus der Welt, sondern im genauen Hinsehen. Sie beschäftigt sich mit Ordnung und ihrem Verlust, mit Bindung und ihrer Zerstörung, mit dem Schutz des Lebens dort, wo er versagt.
Femizid ist kein Randthema. Er ist eine sichtbare Verletzung dieser Ordnung. Wo Frauen systematisch nicht geschützt werden, ist nicht nur individuelles Leid vorhanden, sondern ein kollektives Versagen. Eine Wunde, die die Gemeinschaft betrifft – und damit auch jede Praxis, die sich mit Verantwortung, Würde und Verbundenheit befasst. Über Femizid zu schreiben ist in diesem Sinne kein Ausflug in Politik, sondern Ausdruck einer Haltung: Spiritualität endet nicht dort, wo es unbequem wird. Sie beginnt dort, wo wir uns weigern wegzusehen.
Femizid – eine Verletzung der Ordnung
Femizid ist kein tragischer Einzelfall.
Er ist kein Beziehungsdrama.
Er ist kein Moment, in dem „etwas eskaliert ist“.
Femizid ist die systematische Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Er geschieht dort, wo Kontrolle, Besitzdenken und Gewalt als legitime Mittel gelten, um weibliche Autonomie zu brechen. Er geschieht in Gesellschaften, die warnende Zeichen ignorieren, Betroffene nicht schützen und Täter zu oft entschuldigen. Wenn wir über Femizid sprechen, sprechen wir nicht nur über individuelle Schuld. Wir sprechen über Verantwortung – eine Verantwortung, die größer ist als der einzelne Täter und schwerer wiegt als bloßes Entsetzen.
Wie ein Femizid entsteht – kein Impuls, sondern Machtausübung
Eine Frau entzieht sich der Kontrolle eines Mannes. Sie trennt sich, setzt Grenzen, trifft eigene Entscheidungen. Genau das wird nicht akzeptiert. Der Mann überwacht, bedroht, taucht auf. Er testet Grenzen – ihre und die der Umgebung. Jede ausbleibende Konsequenz bestätigt ihm, dass er weitermachen kann.
Die Frau sucht Schutz. Sie benennt die Gefahr. Anzeigen werden aufgenommen, aber nicht weiterverfolgt. Maßnahmen bleiben unzureichend oder unverbindlich. Das Umfeld nimmt die Situation wahr, greift aber nicht konsequent ein. Die spätere Tötung ist kein Kontrollverlust. Sie ist der letzte Akt einer fortgesetzten Machtausübung. Ein Versuch, Autonomie endgültig zu beenden, dort, wo andere Mittel nicht mehr greifen. Femizid ist das Resultat einer Haltung: der Überzeugung, Anspruch auf Kontrolle über das Leben einer Frau zu haben – und der Erfahrung, dafür nicht gestoppt zu werden.In diesem Sinne ist Femizid vorhersehbar. Und genau deshalb wäre er vermeidbar gewesen.
Keine spirituelle Flucht
Als spirituell arbeitender Mensch halte ich es für notwendig, eines klar zu sagen: Femizid ist kein spirituelles Ereignis. Er ist kein Schicksal, keine Lernaufgabe, kein karmischer Ausgleich. Jede spirituelle Sprache, die Gewalt erklärt, relativiert oder mit Sinn auflädt, verrät die Würde der Toten. Spiritualität kann hier nur eines sein: eine Form, Verantwortung tiefer zu begreifen und Bindung ernster zu nehmen. Sie darf nichts beschönigen. Sie darf nichts entschuldigen. Sie darf nichts mystifizieren.
Femizid als systemisches Versagen
Femizid entsteht nicht im luftleeren Raum. Er wächst aus Strukturen:
- aus patriarchalen Machtverhältnissen
- aus der Vorstellung, Frauen seien Besitz
- aus der Normalisierung von Kontrolle und Drohung
- aus Institutionen, die Warnungen nicht ernst nehmen
- aus Gemeinschaften, die wegsehen
Wenn Frauen sterben, dann nicht nur, weil ein Mann getötet hat, sondern weil viele vorher nicht geschützt haben. Das macht diese Gewalt so schwer zu ertragen: Sie ist vorhersehbar. Und sie ist vermeidbar.
Ordnung, Schutz und Verantwortung – eine nordische Perspektive
In der nordischen Weltanschauung gibt es keinen scharfen Gegensatz zwischen spirituell und gesellschaftlich. Ordnung ist kein abstraktes Konzept, sondern etwas, das durch menschliches Handeln entsteht – oder zerbricht.
Ein zentraler Begriff dafür ist Frith.
Frith ist eine Verpflichtung: das Versprechen, dass Mitglieder einer Gemeinschaft geschützt sind. Besonders die Verletzlichen. Besonders jene, deren Leben leicht übergangen wird. Femizid ist ein radikaler Frithbruch. Er bedeutet: Der Schutz, der geschuldet war, wurde entzogen. Die Bindung, die hätte tragen müssen, wurde zerrissen.
Grið – der verweigerte Schutzraum
Eng verbunden mit Frith ist Grið: der garantierte Schutzraum. Grið bedeutet, dass es Orte, Situationen und Beziehungen geben muss, in denen Gewalt keinen Zugang hat. Wenn Frauen trotz Anzeigen, Hilferufen und klarer Gefährdung getötet werden, dann ist Grið nicht vorhanden gewesen. Nicht, weil es unmöglich war – sondern weil es nicht konsequent hergestellt wurde. Das ist keine metaphysische Aussage. Es ist eine nüchterne. Schutz ist kein Gefühl. Schutz ist Handlung.
Wyrd – das beschädigte Beziehungsgewebe
In nordischer Sprache ist Wyrd das Gewebe aus Handlungen, Konsequenzen und Beziehungen. Alles, was geschieht, hinterlässt Spuren. Nichts bleibt folgenlos. Femizid beschädigt dieses Gewebe tief. Nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern für die gesamte Gemeinschaft. Denn jede tolerierte Gewalt senkt die Schwelle für die nächste. Wenn Frauen getötet werden, verändert sich die Welt der Lebenden. Vertrauen erodiert. Angst wird vererbt. Schweigen wird dichter.
Die Toten und unsere Pflicht
Die Ermordeten sprechen nicht, um getröstet zu werden. Sie sprechen, weil sie erinnern. In einer schamanischen Sprache könnte man sagen: Sie gehören zu den unruhigen Ahnen – nicht, weil sie nicht loslassen können, sondern weil die Lebenden ihre Verantwortung noch nicht übernommen haben. Erinnerung ist keine sentimentale Geste. Sie ist eine Verpflichtung.
Erinnerung heißt:
- die Namen nicht zu verschweigen
- die Muster zu benennen
- die Bedingungen zu verändern
Alles andere ist symbolischer Trost ohne Wirkung.
Keine Heilung ohne Gerechtigkeit
Es gibt keinen spirituellen Abschluss für Femizid.
Es gibt keine „Heilung“, die Gerechtigkeit ersetzen könnte.
Trauerarbeit ohne politische Konsequenz ist leer. Rituale ohne Veränderung sind Dekoration. Wenn Spiritualität hier einen Platz hat, dann als Praxis der Wachsamkeit:
- Wer ist gefährdet?
- Wo wird nicht hingehört?
- Wo wird Verantwortung delegiert, statt übernommen?
Gemeinschaft ist kein abstrakter Begriff
Gemeinschaft bedeutet nicht Nähe oder Wohlgefühl. Gemeinschaft bedeutet Haftung. Eine Gemeinschaft, die Frith ernst nimmt, fragt nicht nur: Wer hat getötet? Sondern auch:
Wer hätte schützen müssen?
Wer hat weggesehen?
Welche Strukturen haben versagt?
Diese Fragen sind unbequem. Aber ohne sie bleibt alles beim Alten.
Spirituelle Praxis heute
Eine zeitgemäße spirituelle Praxis im Angesicht von Femizid ist nicht weltfremd. Sie ist klar. Sie zeigt sich in:
- Solidarität mit Betroffenen
- Unterstützung von Schutzstrukturen
- politischem Engagement
- öffentlichem Benennen von Gewalt
- Weigerung, Täter zu entschuldigen
Vielleicht ist das radikalste Ritual unserer Zeit nicht der Kreis im Wald, sondern das konsequente Eingreifen.
Würde statt Trost
Dieser Text bietet keinen Trost. Und das ist Absicht. Würde bedeutet, das Unabgeschlossene auszuhalten. Die Toten nicht zu beruhigen, sondern ernst zu nehmen. Die Lebenden nicht zu entlasten, sondern zu verpflichten. Femizid ist eine Verletzung der Ordnung. Und Ordnung entsteht nicht von selbst.
Sie entsteht dort, wo Verantwortung übernommen wird – immer wieder, konkret, unbequem.
