Seit vielen Jahren arbeite ich schamanisch. Am Anfang eher im Core-Schamanismus. Später zog es mich immer stärker in nordische Richtungen. Dabei gab es Erfahrungen, für die ich lange keine Worte hatte. Erst Jahre später begegnete mir der Begriff Fylgja — und manches begann plötzlich in einem anderen Licht zu erscheinen. Vor kurzem entstand darüber eine intensive Diskussion. Es ging um die Frage, wie sinnvoll es überhaupt ist, heute mit nordischer Spiritualität zu arbeiten. Und darum, was eine Fylgja eigentlich sein könnte.
Historisch gesehen, so wurde argumentiert, seien viele moderne Vorstellungen darüber kaum belegbar. Die alten Quellen beschreiben die Fylgja meist eher indirekt. Als Traumgestalt. Als Vorzeichen. Als Ausdruck von Wesen oder Schicksal. Nicht als etwas, das man gezielt „aufsucht“. Und tatsächlich: Klare historische Anleitungen dazu existieren nicht.
Je länger ich darüber nachdachte, desto merkwürdiger wurde jedoch etwas in mir. Nicht klarer. Eher fremder. Denn meine Erfahrungen entstanden nie aus dem Wunsch heraus, unbedingt „eine Fylgja finden“ zu wollen. Ich wusste damals nicht einmal, dass es diesen Begriff gibt. Die Erfahrung war zuerst da. Genau das ließ mich stutzen.
Denn einerseits halte ich historische Reflexion für wichtig. Die nordische Mythologie, wie wir sie heute kennen, stammt aus bruchstückhaften Quellen. Vieles wurde erst lange nach der Christianisierung niedergeschrieben. Wer mit solchen Themen arbeitet, sollte das nicht ignorieren. Andererseits fühlte es sich irgendwann genauso falsch an, die eigene Erfahrung nur deshalb zu entwerten, weil sie sich historisch nicht eindeutig einordnen lässt.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit moderner Spiritualität genau dort. Wir versuchen oft, Erfahrungen entweder als „objektiv real“ oder als „bloße Symbolik“ einzuordnen. Dazwischen scheint kaum Raum zu bleiben. Aber möglicherweise funktionierten mythische Weltbilder nie so eindeutig. Das bedeutet nicht, jede innere Wahrnehmung sofort für eine spirituelle Wahrheit zu halten. Natürlich gibt es Projektionen. Wunschbilder ebenso. Gerade deshalb halte ich Selbstreflexion und kritisches Denken für wichtig.
Und trotzdem glaube ich, dass manche Erfahrungen mehr sind als bloße Einbildung. Nicht unbedingt, weil sie sich beweisen lassen. Sondern weil sie über Jahre hinweg Bedeutung behalten. Weil sie wiederkehren. Weil sie etwas im Menschen verändern. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe gar nicht darin, alles endgültig erklären zu müssen. Sondern aufmerksam zu bleiben. Für Träume. Für wiederkehrende Symbole. Für Resonanz. Für das, was sich innerlich wahr anfühlt — ohne es sofort dogmatisch festzuschreiben.
Heute sehe ich die Fylgja weder als klar definierbares Geistwesen noch als reine Eingebung. Eher als etwas, das sich manchmal zeigt. Leise. Schwer greifbar. Oft gerade dann, wenn Menschen sich innerlich verändern oder an bestimmten Übergängen ihres Lebens stehen. Und vielleicht genügt das auch.
Vielleicht müssen spirituelle Erfahrungen nicht vollständig bewiesen werden, um bedeutsam zu sein. Aber ebenso wenig sollten sie uns davon abhalten, wach, kritisch und geerdet zu bleiben. Für mich liegt genau dort inzwischen der eigentliche Weg: spirituelle Erfahrung ernst zu nehmen — ohne aufhören zu dürfen, Fragen zu stellen.
