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Damit du genau hinschaust

Ich befand mich in einer Zeit des Umbruchs. Meine Ehe war zu Ende gegangen. Ich war umgezogen. Einige meiner Kinder waren ausgezogen. Vieles, was mein Leben lange getragen hatte, war plötzlich nicht mehr da. Es war nicht nur eine äußere Veränderung. Es war die Frage: Wer bin ich eigentlich – und wie möchte ich leben? Ich begann auszuprobieren, wer ich war, wer ich sein wollte. Und ich machte mich auf die Suche nach Wahrheit.

So kam ich eher zufällig zu einer Ayurveda-Kur. Schon bei der ersten Ölmassage geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Schon nach wenigen Minuten kamen mir die Tränen. Es waren keine Tränen der Trauer. Es waren Tränen tiefer Rührung. Bis heute weiß ich nicht, ob es das warme Öl war, die achtsamen Berührungen oder einfach das Gefühl, eingebettet zu sein. Für einen Augenblick hörte das Suchen auf. Die Fragen, die mich seit Monaten begleitet hatten, mussten nicht beantwortet werden.

Später begann ich eine Ayurveda-Ausbildung, weil ich verstehen wollte, was mich so tief berührt hatte. Nach einer Zeit des Umbruchs schenkte mir Ayurveda zunächst Geborgenheit. Gleichzeitig begegnete mir ein Menschenbild, das Körper, Geist und Seele nicht voneinander trennte. Der Mensch gilt als Teil der Natur und unterliegt denselben Rhythmen und Elementen.

Eines Tages erzählte mir eine Kollegin, dass sie zu einer Schamanin gehen wollte. Warum dieses Wort eine solche Wirkung auf mich hatte, konnte ich nicht sagen. Aber es zog mich sofort in seinen Bann. Ich wusste: Irgendwann würde ich mich mit Schamanismus beschäftigen.

Einige Zeit später war es soweit. Ich besuchte einen Basiskurs der Foundation for Shamanic Studies Europa. Ich ging mit einer gewissen Skepsis dorthin. Das hatte auch mit meiner Kindheit zu tun. Meine Großmutter war Zeugin Jehovas geworden. Deshalb war ich sensibel für alles, was Menschen vereinnahmen oder blenden konnte. Mein Gedanke vor Beginn des Seminars war: Wenn es zu spukig wird, gehe ich.

Doch genau das geschah nicht. Das Seminar war klar. Bodenständig. Ohne Inszenierung und ohne geheimnisvolles Getue. Ich absolvierte weitere Ausbildungen im schamanischen Heilen und beschäftigte mich intensiv mit der nordischen Mythologie. Merkwürdigerweise war mir vieles nicht fremd. Schon in der Grundschule hatten wir Auszüge aus der Edda gelesen. Schamanismus wurde für mich zu einer tiefen Bereicherung. 

Doch je mehr ich lernte, desto mehr bemerkte ich auch etwas anderes. Mein Verstand begann, Erfahrungen einzuordnen. Er suchte Zusammenhänge. Er wollte verstehen. Für vieles gab es Erklärungen – in Mythen, Symbolen und Überlieferungen. Und doch fragte ich mich irgendwann, ob jede Erfahrung sofort eine Erklärung braucht.

Mein-Erkenntnisweg

Im Schamanismus arbeiten wir mit der Stimme, der Trommel, der Rassel, Kraftgegenständen und Ritualen. Dieses Handwerkszeug hilft uns, unsere Aufmerksamkeit auszurichten und mit uns selbst sowie der unsichtbaren Wirklichkeit in Kontakt zu treten. Es schafft einen Rahmen, der verhindert, dass wir uns in der Fülle unserer Wahrnehmungen verlieren. Jede Praxis braucht einen solchen Rahmen.

Gerade dieser weite Rahmen ist einer der Gründe, weshalb Schamanismus für mich bis heute seinen besonderen Wert behalten hat. Er gibt Orientierung, ohne jede Erfahrung endgültig festzulegen. Vieles kann so sein – und zugleich ganz anders. Diese Offenheit empfinde ich bis heute als seine größte Stärke.

Erst mit der Zeit wurde mir bewusst, dass nicht nur der Schamanismus einen solchen Rahmen bildet. Jede Lehre tut das. Sie hilft uns, Erfahrungen zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen. Das ist ihre Stärke. Gleichzeitig begann ich zu beobachten, wie sehr jede Lehre meinen Blick prägt.

Wenn ich einer Rune begegne und bereits zu wissen glaube, was sie bedeutet, kann es geschehen, dass ich nur noch das wahrnehme, was ich ohnehin erwarte. Dann öffnet sie meinen Blick nicht mehr. Sie bestätigt lediglich das, was ich ohnehin zu wissen glaube.

In meinen Ausbildungen sagten Teilnehmerinnen manchmal schon vor einer schamanischen Reise: „Ich habe bereits eine Intuition. Ich spüre die Antwort eigentlich schon.“ Meine Antwort war nie: „Dann ist die Reise überflüssig.“ Ich sagte vielmehr: „Gut. Dann geh auf die Reise und überprüfe deine Wahrnehmung gemeinsam mit deinem Krafttier oder deinem spirituellen Lehrer.“ Nicht weil die erste Wahrnehmung falsch sein musste. Sondern weil sie vielleicht noch nicht vollständig war.

Diese Haltung hat mich über viele Jahre begleitet. Bei meinen ersten schamanischen Reisen zeigte sich mir meine spirituelle Lehrerin als Frau des Waldes mit einem großen Hut. Später erschien sie mir als Priesterin. Verwundert fragte ich sie, warum sie sich in einer weiteren Gestalt zeigte. Ihre Antwort lautete: „Damit du genau hinschaust.“ Dieser Satz begleitet mich bis heute.

Mir wurde klar: Nicht Lehren sind das Problem. Sie öffnen Türen. Sie geben Orientierung. Problematisch wird es erst, wenn ich aufhöre, genau hinzuschauen. Wenn ich glaube, bereits zu wissen. Wenn eine Deutung wichtiger wird als die Erfahrung selbst. Jede Lehre ist wie eine Fensterscheibe. Sie eröffnet einen Blick auf die Wirklichkeit. Doch sie bleibt eine Scheibe. So klar das Glas auch sein mag: Es zeigt einen Ausschnitt. Nie das Ganze.

Heute bin ich dankbar für jeden Weg, der mich begleitet hat. Ayurveda. Schamanismus. Und die vielen Begegnungen mit Menschen. Sie alle haben mich geprägt und meinen Horizont erweitert. Schamanismus ist für mich bis heute Heimat geblieben. Vielleicht gerade deshalb, weil er mich immer wieder dazu einlädt, meine Wahrnehmung offen zu halten. Mich beschäftigt heute eine andere Frage: Hilft mir eine Lehre noch, genauer hinzuschauen – oder nimmt sie mir das Hinschauen allmählich ab? Ich möchte einer Erfahrung so offen wie möglich begegnen. Nicht, um auf Wissen zu verzichten. Sondern damit Wissen die Erfahrung nicht ersetzt.

  • Für mich bedeutet Spiritualität, den Geist immer wieder leer werden zu lassen.
  • Esoterik bedeutet für mich, ihn immer weiter zu füllen.

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