Nach unserem Umzug im September 2019 wollten viele Pläne umgesetzt werden, manche Ideen mussten jedoch anderen weichen. Im Garten befanden sich zahlreiche Pflanzinseln, deren Pflege in den Jahren zuvor vernachlässigt worden war. Ich war voller Tatendrang, Ordnung in den Garten zu bringen, als mich ein Mann ansprach, der an unserem Haus vorbeiging. Um den Hals trug er einen Fotoapparat, einen zweiten mit einem großen Objektiv hielt er in der Hand. Im Gespräch erzählte er mir, dass er auf der Suche nach Eisvögeln sei, die er gern fotografieren wollte. Da wir im Moor leben und zahlreiche Entwässerungsgräben durch das Land verlaufen, war diese Möglichkeit durchaus gegeben.
Ich selbst hatte einen Eisvogel bis dahin zuletzt in einer Fernsehsendung gesehen. Der Eisvogel besiedelt weite Teile Europas, Asiens und des westlichen Nordafrikas. Er lebt an klaren Gewässern mit Kleinfischbestand und bevorzugt erhöhte Sitzplätze. Der Bestand der Eisvögel gilt insgesamt als wenig bedroht, wird jedoch in Europa als rückläufig eingeschätzt.
Als ich ein paar Tage später mit unserem Hund auf dem Feldweg spazieren ging, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass etwas von links angeflogen kam. Unverwechselbar – ein Eisvogel. Er stürzte sich in den Wassergraben und tauchte mit etwas im Schnabel wieder auf. Im nächsten Moment war er jedoch bereits verschwunden.
Vor ein paar Tagen fuhren wir mit unserem Auto genau diesen Feldweg entlang, allerdings an einer ganz anderen Stelle. Der Tag war trübe, einer dieser bekannten „düsteren“ Januartage. Unsere Geschwindigkeit war niedrig, da wir uns fast auf Höhe unserer Einfahrt befanden. Kurz bevor wir abbiegen wollten, kreuzte ein Vogel mit wunderschön blauem Kopf und spitzem Schnabel unseren Weg. Wie ein Geist schoss er aus dem Graben hervor. Ich freute mich über diesen bunten, gute Laune machenden Anblick – und wurde nachdenklich.
-
Warum kreuzte der Eisvogel meinen Weg nun schon wieder so unverhofft?
-
Warum hatte ich ihn erst wahrgenommen, nachdem mich jemand auf ihn aufmerksam gemacht hatte?
Meine Gedanken kreisten um das Thema Wahrnehmung. Ich erinnerte mich an meinen schamanischen Lehrer Paul Uccusic. In einem Interview wurde er gefragt, ob jeder Mensch schamanisieren könne. Seine Antwort lautete: „Ich gehe davon aus, dass in jedem Menschen schamanische Fähigkeiten schlummern. Wenn man bereit ist, sich zu öffnen und die Geisterwelt sozusagen hereinzulassen, dann kommen sie auch.“ Nun war der Eisvogel kein Geist – und doch war er bislang außerhalb meines Blickwinkels, außerhalb meines Bewusstseins gewesen.
Ich dachte an all die Menschen, die nur das für „wahr“ halten, was mit den Sinnen wahrnehmbar, mit dem Verstand erklärbar und wissenschaftlich unwiderruflich belegbar ist. Menschen neigen dazu, dem Verstand eine führende Rolle zuzuweisen. Geisterglaube gehört für diese Gruppe in die Rubrik der Spukgeschichten. Um welche inneren und äußeren Schätze sind diese „Ungläubigen“ möglicherweise beraubt?
Unsere Umwelt und unser Erleben, in das wir hineingeboren werden, prägen uns tief. Leider werden in unserer Gesellschaft schon Kinder zu intellektuellen Höchstleistungen erzogen. Nur zu oft führt dies dazu, dass Menschen einen großen Teil ihres Selbstwertes aus Leistung beziehen und im späteren Leben mitunter daran zerbrechen. Es entspricht dem natürlichen Rhythmus des Lebens, dass es nicht kontinuierlich weiter, höher oder schneller vorangeht. Die Erfahrung von Stagnation kann ein schmerzhafter Prozess sein. Wer ständig darauf konditioniert wurde, Leistung zu zeigen, empfindet ein Nachlassen des Leistungsvermögens häufig als tiefe Niederlage.
Die Rune Mannaz kann genutzt werden, um die eigene Identität zu finden und das Selbstbewusstsein zu stärken. Sie ist ein Symbol für den Menschen und verweist auf dessen geistige Kraft. Die Rune besteht aus zwei senkrechten Linien sowie zwei weiteren, die sich in der oberen Hälfte mittig kreuzen. Man könnte den Eindruck gewinnen, als stünden sich zwei Fahnen gegenüber: Verstand und Emotion, der männliche und der weibliche Aspekt. Sie stehen für das, was ein Leben prägt, ebenso wie für individuelle Entwicklungsmöglichkeiten, die aus der geistigen Kraft heraus entstehen können.
Die Rune Mannaz kann genuzt werden, um die eigene Identität zu finden und das Selbstbewustsein zu stärken.
Einem Wendepunkt im Leben entgegenzusehen, wenn das „Schicksal“ holprige Wege einschlägt, kann eine Chance sein, eigene Werte zu entwickeln. Dabei hilft es, den Blick zu weiten und zu üben, über das unmittelbar Sichtbare und den Verstand hinauszuschauen – die Welt zu erforschen, die hinter der materiellen, stofflichen Welt liegt. In dieser Welt existiert kein Leistungsdruck. Tröstende und stärkende innere Bilder können entstehen und schmerzvolle Erfahrungen in den Hintergrund treten lassen. So können auch die Narben des Herzens allmählich heilen.
Auch ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass die Welt unvollkommen ist – und dass auch ich es sein darf. Für dieses Jahr habe ich eine Orakelkarte gezogen. Sie lautet: Ich bin ein Meister, der übt. Das passt gut zu meinem Vorhaben. Ich möchte meine Wahrnehmung schulen und mich weiter für das öffnen, was jenseits meines Verstandes in der unsichtbaren Welt liegt.
