9. Rauhnacht

Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!

 Die Nacht der Stille!

Die neunte Rauhnacht beginnt nicht mit Wind, nicht mit Licht, nicht mit Bewegung. Sie beginnt mit dem Fehlen all dessen. Als die Völva aus ihrer Hütte tritt, spürt sie sofort: Etwas ist anders. Tiefer. Weiter. Unbenennbar. Kein Schnee fällt. Kein Ast knackt. Nicht einmal der eigene Atem scheint Geräusch zu haben. Es ist, als hätte die Welt beschlossen, für eine Nacht nicht zu sprechen.

9.Rauhnacht

Sie geht in den Wald, doch der Wald klingt nicht. Ihre Schritte sinken lautlos im Schnee ein — als würde die Erde selbst ihnen jeden Ton nehmen. Die Dunkelheit ist weich. Der Mond blass. Die Luft unbewegt.

Die Völva merkt, wie etwas in ihr sich zuerst sträubt. Denn Stille kann furchteinflößender sein als jedes Geräusch. Stille fordert. Stille enthüllt. Stille lässt nichts ausweichen.

Doch schon wenige Schritte später fühlt sie, wie sich ihr Herz beruhigt — wie ein Wasser, das sich setzt. Die Stille trägt sie. Und sie lässt sich tragen.

Die Völva erreicht eine kleine Lichtung. Es ist keine besondere Lichtung. Und doch wirkt sie heiliger als alle Orte zuvor. Denn in ihr herrscht nicht nur Stille — sondern Abwesenheit. Als wäre hier einmal etwas gewesen, das gegangen ist und Raum zurückgelassen hat.

Ein Raum, der jetzt ihr gehört. Sie setzt sich auf den Boden. Kein Frost beißt. Kein Wind streift. Nichts stört. Es ist, als würde die Welt sie einladen: „Hör.“

Zuerst hört sie nichts. Dann hört sie noch weniger. Ein Zustand, der tiefer ist als Schweigen. In diesem Zustand beginnen Gedanken zu verblassen. Sorgen zu lösen. Erwartungen zu verschwinden. Nicht weil sie verdrängt werden — sondern weil sie in die Stille hineinfallen und dort aufgehen. Und dann passiert das, was sie nicht erwartet hat: Ein Gedanke erscheint. Klar. Schlicht. Unwiderlegbar. Nicht als Stimme — als Erkenntnis. Ein Satz, der nicht gehört, sondern gewusst wird: „Dies ist der Weg.“ Mehr sagt die Stille nicht. Mehr muss sie nicht sagen.

Die Völva spürt Tränen — nicht aus Trauer, nicht aus Freude, sondern aus reiner Wahrheit. Sie weiß: Die Stille hat ihr nicht gezeigt, was kommen wird. Sie hat ihr gezeigt, wie sie gehen kann. Und das ist wichtiger als jede Vision. Als die Völva aufsteht, merkt sie, dass die Stille sich verändert hat. Sie ist nicht mehr äußere Leere. Sie ist innere Ruhe. Der Wald beginnt leise zu atmen. Ein Ast knackt. Ein feiner Wind bewegt einen Faden Schnee. Die Welt kehrt zurück. Doch die Völva nimmt die Stille mit — als einen Raum in sich, zu dem sie jederzeit zurückkehren kann.

Noch bevor sie ihre Hütte erreicht, flüstert die Stille — nicht als Ton, sondern als Gewissheit: „Du wirst wissen, wann es Zeit ist.“ Eine Prophezeiung, so sanft wie Schnee und so wahr wie Atem.

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