8. Rauhnacht

Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!

 Die Nacht der Träume!

 Die achte Rauhnacht beginnt anders als alle zuvor. Nicht mit Wind. Nicht mit Dunkelheit. Nicht mit Frost. Sondern mit einem Flimmern. Als die Völva ihre Hütte verlässt, scheint die Luft über dem Schnee zu vibrieren, als wäre der Winter selbst in einen Traum gefallen. Die Welt wirkt weich, unscharf an den Rändern, als hätte jemand die Konturen gelöst. Es ist, als würde die Nacht jemanden erwarten. Der Wald ist nicht der Wald. Der Himmel ist nicht der Himmel.

8. Rauhnacht

Alles wirkt vertraut und doch seltsam fremd — wie eine Erinnerung, die sich anders anfühlt als sonst. Die Völva geht und spürt gleichzeitig: Sie geht nicht. Sie gleitet. Sie wird getragen.

Der Boden unter ihren Füßen verliert an Gewicht. Die Luft um sie herum beginnt zu leuchten — kein starkes Licht, sondern ein inneres, ein Licht ohne Quelle. Dann öffnet sich vor ihr eine weite Fläche. Nicht Wiese. Nicht Himmel. Etwas dazwischen. Ein Raum aus Licht und Schatten. Eine Landschaft, die atmet.

Die Farben sind farblos. Die Schatten sind weich. Der Horizont bewegt sich, als wäre er lebendig. Gestalten tauchen auf — doch nicht deutlich. Sie bestehen aus Lichtlinien, aus wogenden Silhouetten, aus Formen, die sich ständig verändern. Einige wirken menschlich.

Andere wie Tiere. Wieder andere wie reine Gedanken. Die Völva spürt: Dies sind keine Geister. Es sind Möglichkeiten. Ungeborene Wege. Zukünftige Gestalten, die noch keinen Körper haben, aber bereits existieren — im Traum der Welt.

Ein Lichtwesen löst sich aus der Landschaft. Es hat keine feste Form, doch es wirkt vertraut — wie eine Erinnerung aus der Zukunft. Es spricht nicht — und doch versteht die Völva jedes Wort: „Was kommen will, zeigt sich zuerst im Traum. Nicht um dich zu verwirren, sondern um dich zu wecken.“ Bilder fluten durch sie hindurch: Ein Pfad, den sie noch nicht gegangen ist. Eine Handlung, die Mut verlangt. Ein Gesicht, das sie noch nicht kennt, das aber eine Rolle spielen wird. Ein Symbol, das im kommenden Jahr wichtig wird. Ein Schatten, der nicht droht, sondern warnt. Ein Licht, das schon auf sie wartet. Die Bilder verweilen nicht. Sie bleiben nicht stehen. Sie fließen — wie Wasser, wie Atem, wie das Leben selbst.

Dann sieht sie es: Etwas, das nicht vollständig Gestalt annimmt. Ein Funke. Ein Keim. Eine Idee, die ihre Flügel noch nicht entfaltet hat. Das Lichtwesen sagt: „Dies ist das, was noch nicht geboren ist.“ Die Völva streckt die Hand aus, berührt das ungeborene Licht — und fühlt einen Ruck, wie ein Herzschlag, der nicht ihrer ist. Eine Vision erscheint klarer als alle anderen: Ein Moment des kommenden Jahres. Ein Wendepunkt. Ein Augenblick, in dem sie entscheiden wird, was sie bewahren und was sie loslassen muss. Dann verflüchtigt sich die Szene.

Die Traumwelt beginnt sich aufzulösen. Die Farben dimmen. Die Schatten gleiten zurück in den Hintergrund. Das Lichtwesen verneigt sich wortlos, als wäre es ihr Spiegelbild in einer anderen Zeit. „Erinnere dich,“ klingt ein letzter Gedanke, „nicht alles, was du siehst, wird geschehen — aber alles, was geschieht, hast du schon einmal gesehen.“ Die Völva blinzelt — und steht wieder im Wald, der diesmal still ist wie ein geschlossener Traum.

Als die Völva den Heimweg antritt, spürt sie ein leichtes Leuchten hinter ihrer Stirn, und eine sanfte Stimme raunt: „Du wirst erkennen, wenn das Gesehene vor dir steht.“ Die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit schließt sich — aber das Licht darin bleibt.

error: Content is protected !!