7. Rauhnacht

Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!

 Die Nacht des Wächters!

 Die siebte Rauhnacht beginnt mit einem Gefühl, das die Völva selten verspürt: Wachsamkeit. Nicht als Angst — sondern als Einladung. Klar. Scharf. Unmissverständlich. Ein Wind zieht über das Land, kälter als in den Nächten zuvor. Er trägt keine Stimmen, kein Wispern, keine Erinnerungen. Nur eine Präsenz. Die Völva verlässt ihre Hütte und spürt sofort, dass sie beobachtet wird. Nicht bedroht — bewacht. Der Wald ist dunkel in dieser Nacht, tiefer als gewöhnlich. Geradezu stillstehend. Und doch: Eine Kraft ruht darin. Eine Kraft, die sich regt, sobald sie ihren ersten Schritt setzt.

7. Rauhnacht

Je weiter sie geht, desto deutlicher spürt sie den Boden unter ihren Füßen — fest, alt, kraftvoll.

Dies ist keine Nacht des Wassers, des Fließens. Dies ist die Nacht des Stehens, Haltens, Grenzenziehens. Dann öffnet sich der Wald. Die Völva bleibt stehen. Denn vor ihr erscheint der Hüter.

Eine gewaltige Gestalt von der Höhe eines Baumes, mit Haut wie Fels und Augen wie glühende Kohlen, die trotz ihrer Größe Frieden ausstrahlen.

Der Hüter neigt leicht den Kopf, ein Zeichen tiefen Respekts — denn die Völva ist keine Schülerin mehr. Sie ist eine Wanderin zwischen Nächten. Die Stimme des Hüters ist wie Stein, wie Flügelwind, wie Metall auf Frost. „Du gehst weit. Du gehst tief. Nun musst du lernen, wo du stehenbleiben darfst.“

Die Völva spürt, wie diese Worte sich in ihr Herz sinken — schwer und richtig. Zu oft hatte sie gegeben, wo sie hätte halten müssen. Zu oft war sie über Grenzen gegangen, die sie nicht respektiert hatte — ihre eigenen. Der Hüter fährt fort:

„Kraft entsteht nicht nur im Öffnen.
Kraft entsteht auch im Schließen.“

Der Hüter hebt seine Hand — es erscheint ein Zeichen. Schlicht und doch unzerbrechlich. Ein kleines Amulett, dessen Linien glühen, wenn Gefahr naht. Die Völva streckt die Hand aus. Als das Zeichen ihre Haut berührt, durchströmt sie eine Kraft, die nicht laut ist — sondern ruhig. Stark. Unerschütterlich. Der Hüter spricht: „Schütze dich, damit dein Weg dich tragen kann.“ Ein einfacher Satz. Ein Satz, der alles verändert.

Der Hüter zeigt auf eine unsichtbare Linie im Boden. Die Völva erkennt sie nicht mit den Augen — aber sie fühlt sie. Es ist eine Grenze. Ihre Grenze.

„Dies ist deine Schwelle,“ sagt der Hüter.
„Keiner überschreitet sie, den du nicht rufst.“

Und in diesem Moment lernt die Völva, was jeder Wanderer zwischen Welten irgendwann lernen muss: Schutz ist kein Schild. Schutz ist ein Ja. Ein Ja zu sich selbst.

Beim Weggehen spürt die Völva den Hüter hinter sich, und seine Stimme folgt ihr wie ein warmer, tiefer Klang: „Bald wirst du etwas schützen müssen. Doch du hast nun die Kraft dazu.“ Das Schutzzeichen in ihrer Hand pulsiert sanft — wie ein Versprechen.

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