Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!
Die Nacht des Wassers!
Die sechste Rauhnacht ist ungewöhnlich still. Nicht wie die Stille der dritten Rauhnacht, die voller Stimmen war — sondern eine weiche, tiefe Stille, die sich wie Wasser um die Welt legt. Als die Völva aus ihrer Hütte tritt, ist der Schnee glatt und dunkel vor Feuchtigkeit, als hätte die Nacht selbst geweint oder sich gereinigt. Eine kühle Brise zieht über ihr Gesicht — zart, aber bestimmt. Sie spürt: Dies ist keine Nacht der Worte. Dies ist eine Nacht des Sinkens. Des Weicherwerdens. Der Hingabe.
Der Wald führt sie diesmal wie im Traum. Der Boden unter ihren Füßen wird weicher, moosiger. Die Luft trägt den Hauch von Wasser, noch bevor sie es sieht. Dann — ein Öffnen.
Eine Lichtung, still wie ein ungesprochenes Gebet. In ihrer Mitte: der See. Schwarz wie Glas. Doch der Mond liegt darauf wie ein silbernes Auge. Die Oberfläche ist so glatt, dass sie wirkt, als wäre die Welt dahinter — nicht darunter.
Die Völva fühlt, wie alle Geräusche versinken. Nichts bleibt, außer Atem und Herzschlag. Die Farben sind farblos. Die Schatten sind weich. Der Horizont bewegt sich, als wäre er lebendig. Gestalten tauchen auf — doch nicht deutlich.
Sie bestehen aus Lichtlinien, aus wogenden Silhouetten, aus Formen, die sich ständig verändern. Einige wirken menschlich.
Als das Wasser ihre Hüften erreicht, bleibt sie stehen. Der Mond spiegelt sich über ihrer Brust. Und dann geschieht es.Das Wasser beginnt zu leuchten. Nicht hell — sanft, wie das Flimmern einer Erinnerung. Eine Stimme erhebt sich darin: Nicht laut, nicht flüsternd — sie ist einfach da. Wie ein Gefühl, das Worte annimmt. „Heilung heißt nicht, zu vergessen.“ Die Völva schließt die Augen. „Heilung heißt, wieder fließen zu dürfen.“ Bilder steigen auf: Momente, in denen sie festgehalten hat. Gefühle, die sie lange verschlossen hatte. Worte, die sie nie ausgesprochen hat. Schmerz, der nicht böse war, sondern unbewegt. Das Wasser heißt sie willkommen. Nicht, um zu reinigen — sondern um zu lösen.
Sie taucht unter. Als ihr Kopf das Wasser durchbricht, verschwinden alle Grenzen. Oben und unten verlieren ihre Bedeutung. Nur Bewegung bleibt. Das Wasser trägt sie. Es hält sie nicht auf — es trägt sie, weil sie sich trägt. Und dann flüstert es:
„Du musst nicht stark sein, um heil zu werden.
Du musst nur weich genug sein, um dich berühren zu lassen.“
Als sie auftaucht, rinnt das Wasser wie Licht über ihr Gesicht. Sie atmet. Und sie spürt: Etwas in ihr hat losgelassen, ohne Verlust. Etwas hat sich geöffnet, ohne Schmerz.
Am Ufer liegt ein kleiner Stein. Glatt, rund, vom Wasser geformt. Der Stein leuchtet nicht — aber er fühlt sich warm an, als wäre er voller Erinnerung. Die Völva nimmt ihn auf. Im Stein pulsiert ein Satz, ganz leise: „Ruhe ist auch ein Weg.“
