5. Rauhnacht

Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!

 Die Nacht des Feuers!

 Die fünfte Rauhnacht beginnt nicht mit Kälte — sondern mit einer Wärme, die nicht von der Welt zu stammen scheint. Als die Völva die Hütte verlässt, hängt der Winter schwer über dem Land. Doch gleichzeitig liegt ein feines Knistern in der Luft, als würde irgendwo weit entfernt ein Feuer atmen. Der Schnee glitzert nicht nur im Mondlicht — er scheint von innen heraus zu glimmen. Die Völva spürt sofort: Dies wird eine Nacht der Kraft. Eine Nacht, die Mut verlangt.

5.Rauhnacht

Der Wald ist still, aber nicht leer. Zwischen den Stämmen huschen goldene Funken — winzige Lichter, kaum größer als Staubkörner, die zwischen den Zweigen tanzen.

Jedes Mal, wenn einer dieser Funken die Haut der Völva berührt, fühlt sie ein kurzes, vibrierendes Pochen in ihrem Inneren. Als würde etwas in ihr — etwas, das lange geschlafen hat — geweckt.

Der Pfad führt sie aus dem Wald hinaus, über eine Anhöhe, und dann hinab in ein Tal, das sie nie zuvor gesehen hat. 

Dort steht sie: Die Feuerhalle. Kein Gebäude, sondern eine natürliche Senke, in deren Mitte ein gewaltiges Feuer lodert — hoch, ruhig, uralt. Das Feuer hat eine Präsenz. Eine Seele. Eine Absicht. Als die Völva nähertritt, bäumt sich die Flamme nicht auf.

Sie zischt nicht. Sie springt nicht. Sie richtet sich auf. Wie ein Wesen. Wie jemand, der lange gewartet hat. Ihr Inneres ist nicht chaotisch — es strömt mit einer rhythmischen Glut, einem uralten Puls, der an Herzschlag erinnert.

Dann löst sich aus der Flamme ein kleiner Funken, der vor die Völva schwebt. Nicht heiß — warm. Nicht wild — lebendig. Und die Flamme spricht. Nicht in Sprache, sondern in Empfindung: „Du trägst mehr Feuer in dir, als du wagst zu glauben.“

Der Funken schwebt um sie herum und taucht die Schneedecke in warmes Licht. Dann legt er sich auf ihre Hand. Er brennt nicht. Aber er fordert. Er zeigt ihr innere Bilder: Situationen, in denen sie schweigen wollte, aber hätte sprechen sollen. Wege, die sie sah, aber nicht ging. Kräfte, die sie für zu groß hielt, um sie zu berühren. Einen Mut, der in ihr glimmt, aber noch keinen Namen trägt. Die Flamme raunt in ihr:

„Mut ist nicht Lautstärke. Mut ist Richtung.“

Der Funken pulsiert in ihrer Hand — einmal, zweimal — und dringt dann wie Wärme durch ihren ganzen Körper. Die große Flamme neigt sich zur Völva — ein Zeichen von Anerkennung. Ein leiser Riss geht durch die Luft, wie wenn Feuerholz sich öffnet. Und dann erscheint vor ihr der Feuergeist: Eine Gestalt aus glühender Asche und fließender Glut, formbar, aber nicht greifbar. Er tritt an ihre Seite und berührt mit einem Finger aus Licht ihr Herz.

„Nimm deinen Funken.“

Die Völva spürt, wie sich in ihr ein kleiner, brennender Kern bildet. Nicht zerstörerisch — sondern klar. Wahrhaftig. Unverrückbar. Die Flamme vermittelt ihr ein Wissen, das nicht in Worte passt, aber sich in Sätzen zusammenfassen lässt: „Wenn du zögerst, erinnere dich an die Wärme. Wenn du zweifelst, erinnere dich an das Leuchten. Und wenn du verzagst, erinnere dich: Ein Funke reicht, um die Dunkelheit zu durchdringen.

Die Völva verneigt sich — nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus Respekt. Denn sie weiß: Feuer schenkt Leben, aber es verlangt Wahrhaftigkeit. Als die Völva die Feuerhalle verlässt, trägt der Wind ihr einen Satz zu, der nicht vom Winter stammt: „Eine Entscheidung wird kommen — und dein Funke wird dich führen.“ Sie schaut auf ihre Hände. Und dort glimmt noch immer ein winziger, goldener Punkt.

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