Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!
Die Nacht der Nornen!
Die vierte Rauhnacht beginnt mit einer Schwere, die nicht bedrückend, sondern ehrfurchtsvoll ist. Die Luft ist klar, aber kühl auf eine Weise, die die Zeit selbst anzuhalten scheint. Die Völva spürt, noch bevor sie ihre Hütte verlässt: Diese Nacht gehört nicht der Erde, nicht dem Wind, nicht dem Nebel — sie gehört den Fäden, die alles verbinden. Mit langsamen Schritten geht sie in den Wald. Doch diesmal führt sie ihr Weg nicht irgendwohin. Er führt sie abwärts. Dorthin, wo die Wurzeln der Welt beginnen.
Ein leises, tiefes Summen begleitet sie, kaum hörbar, aber klar spürbar in den Knochen — wie das Atmen eines sehr alten Wesens. Dann öffnet sich der Wald.
Eine Lichtung, so alt wie die Zeit selbst. In der Mitte ruht der Urdbrunnen. Kein gewöhnlicher Brunnen — sondern ein stilles Wasser, das den Himmel spiegelt, auch wenn kein Licht ihn erreicht.
Aus seiner Tiefe schimmern Fäden, dünn wie Haare, glühend wie kleine Sterne. Und an seinem Rand sitzen drei Gestalten. Die Nornen.
Die erste — Urd, die Vergangenheit — wirkt wie eine Frau, die zu Erde geworden ist: Furchtige Haut, aber Augen wie klarer, uralter Grund. Die zweite — Verdandi, die Gegenwart — ist fließend, als bestünde sie aus Bewegung selbst. Die dritte — Skuld, die Zukunft — trägt einen Schimmer, der nicht von dieser Welt ist.
Sie weben.
Immer weben sie.
Ihre Hände bewegen sich unabhängig voneinander, Gemeinsam weben die drei Nornen die Fäden in das große Netz von Wyrd. Als die Völva näher tritt, halten die Hände der Nornen nicht inne. Aber drei Paare Augen richten sich auf sie.
Urd spricht zuerst, mit einer Stimme wie das Knacken alter Äste: „Du kommst aus Erinnerung.“ Verdandi folgt, ihr Ton ein sanftes Pulsieren: „Du stehst im Werden.“ Skuld beendet den Kreis, ihre Worte wie ein ferner Glockenklang: „Du suchst den Faden, der dich weiterträgt.“ Die Völva verbeugt sich, weil die Nornen die Fäden aller Seelen halten — leise, unsichtbar, ewig.
Urd greift in den Brunnen und zieht einen Faden hervor: ein dunkler, schwerer, vergangener Faden. Verdandi nimmt einen anderen: einen warmen, pulsierenden, lebendigen. Skuld legt zuletzt einen glühenden, silbernen Faden darauf: zart, aber von unendlich viel Potenzial. Die Fäden winden sich umeinander, ohne sich zu verheddern. Die Nornen sprechen:
„Im kommenden Jahr gibt es drei Wege.
Der dunkle zeigt dir, was vollendet ist.
Der warme zeigt dir, worin du wachsen wirst.
Der leuchtende zeigt dir, wer du sein kannst — wenn du lässt.“
Urd fügt hinzu: „Was vergangen ist, hält dich nicht mehr.“ Verdandi: „Was lebt, braucht deine Hände.“ Skuld: „Was kommen will, braucht deinen Mut.“ Die Nornen reichen der Völva den dunklen Faden. Er fühlt sich kühl an, fast fremd, als hätte er sich längst von ihr verabschiedet. „Löse, was nicht mehr trägt,“ sagt Urd.
Die Völva berührt den Faden — und er zerfällt in glitzernden Staub. Ein Loslassen ohne Schmerz. Ein Abschied ohne Verlust. Verdandi legt ihr den warmen Faden in die Hände. Er pocht wie ein Herz, das nicht nur ihr eigenes ist. „Dies ist dein nächster Schritt. Nähre ihn, und er nährt dich.“ Die Völva erkennt darin etwas, das bereits in ihr erwacht war — eine Aufgabe, eine Verbindung, die wachsen will.
Skuld hebt den silbernen Faden an, und im gleichen Moment schimmert der Brunnen auf. „Dieser Weg zeigt sich erst, wenn du gehst.“ Die Völva spürt, wie sich etwas in ihrer Brust öffnet — wie ein zarter Funke, der noch keinen Namen hat, aber ein Ziel. Gemeinsam weben die drei Nornen die Fäden der Völva in das Netz von Wyrd. Und als sie fertig sind, rühren sie den Brunnen an. Aus seiner Tiefe steigt ein leiser Klang — wie ein gesungener Funken, ein Keim, ein künftiger Anfang.
„Geh,“ sagen die Nornen.
„Und web‘ bewusst.“
Dann kehrt die Stille zurück. Aber die Völva weiß: In dieser Nacht hat sie nicht nur gesehen — sie wurde gesehen.
