Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!
Die Nacht der Ahnen!
Die dritte Rauhnacht ist die stillste — und gleichzeitig die lauteste. Still, weil kein Tier sich rührt. Laut, weil der Wind wie ein unsichtbarer Chor durch die Äste fährt. Als die Völva aus ihrer Hütte tritt, ist der Himmel klar. Kein Nebel, kein Schnee. Nur das gefrorene Glitzern der Sterne, die so hell wirken, als wären sie eben erst entzündet worden.
Die Völva spürt unmittelbar: Diese Nacht ist alt. Älter als sie, älter als der Wald, älter als jedes Lied, das Menschen je sangen. Der Wind hebt an. Er trägt kein Heulen, kein Rauschen — sondern etwas, das klingt wie der Hauch eines vergessenen Namens.
Die Völva geht tiefer in den Wald hinein. Ihre Schritte sind leise, aber der Wind begleitet sie wie ein vertrauter Geist. Er zieht an ihrem Mantel, wirbelt um ihre Hände, streicht ihr durchs Haar, als wollte er sagen: „Du kommst nicht allein.“ Zwischen den Bäumen beginnen Schatten zu erwachen.
Nicht dunkel, sondern durchscheinend wie Atemzüge im Frost. Sie bewegen sich nicht wie Lebende — sondern wie Erinnerungen, die sich nicht ganz entscheiden können, ob sie Gestalten oder Gefühle sind.
Die Luft wird schwerer. Und sanfter. Und voller Sehnsucht. An einer Lichtung bleibt sie stehen. Der Wind formt einen Kreis um sie, wirbelt Schnee auf, bis er wie leuchtender Staub im Mondlicht tanzt.
In diesem fließenden Wirbel beginnt sich eine Gestalt zu formen: Eine Frau. Hager, aber würdevoll. Ihr Gesicht trägt Furchen, aber keine Last. Ihre Augen leuchten wie zwei kleine, ruhige Sterne. Sie ist aus Wind. Und aus Erinnerung. Und aus all dem, was die Völva vergessen glaubte.
„Kind des alten Weges,“ flüstert die Ahnin, und ihre Stimme ist zugleich im Ohr der Völva und im Wind um sie herum. Die Völva fühlt ein Brennen hinter den Augen, wie eine Träne, die nicht fallen will.
„Du glaubst, allein zu gehen,“ sagt die Ahnin.
„Doch kein Schritt wird ohne uns gesetzt.“
Sie hebt eine Hand — eine Hand aus Luft, aus Frost, aus Geschichte — und berührt die Brust der Völva, ohne sie zu berühren. In diesem Moment sieht die Völva Bilder: Hände, die einst Kräuter mahlten. Füße, die denselben Pfad gingen wie sie. Stimmen, die Geschichten erzählten, die längst verstummt schienen. Gesichter, die sie nie kannte und die sie dennoch erkennt.
Und mitten darin ein Symbol. Klein, leuchtend, klar. Ein Wort, das wie ein Echo durch die Seele klingt. Die Ahnin spricht: „Dieses Wort wird zu dir zurückkehren. Halte Ausschau, wenn das Jahr sich wendet.“ Der Wind hebt erneut an, diesmal warm — und das mitten im Winter. Er streift über die Haut der Völva wie eine vertraute Hand, die sagt: „Wir stehen hinter dir.“
Die Ahnin beginnt sich im Wind aufzulösen. Nicht abrupt — sondern wie Schnee, der im Licht vergeht. „Vergiss nicht,“ flüstert sie, „du bist nicht nur die, die du geworden bist — du bist auch all jene, die vor dir gingen.“ Dann ist sie verschwunden.
Der Wind fällt in sich zusammen, und die Lichtung liegt wieder still. Doch in der Brust der Völva glüht etwas sanft — wie ein geerbtes Feuer.
