Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!
Die Nacht der Tiere!
Als die zweite Rauhnacht anbricht, liegt eine besondere Schwere in der Luft — nicht düster, sondern erwartend. Der Nebel der ersten Nacht hat sich gelegt, als hätte er seinen Dienst getan. Zwischen den Bäumen knistert nun etwas anderes, etwas Erdiges, Warmes, Bewegliches.
Die Völva verlässt ihre Hütte erneut, das leere Nebelgefäß an ihrer Seite wie eine Erinnerung an das, was sie am Vortag losgelassen hat. Der Schnee ist heute weniger still: Es klingt, als würde etwas unter seiner Oberfläche atmen.
Je weiter sie in den Wald hineinschreitet, desto deutlicher spürt sie es. Ein Puls. Ein Rhythmus. Ein Ruf, der nicht aus der Ferne kommt, sondern aus innen.
Zwischen zwei alten Tannen tritt eine Gestalt hervor. Und der Wald hält den Atem an. Ein großer, grauer Wolf mit Augen wie flüssiges Bernstein.
Er bewegt sich lautlos, aber jeder Schritt ist von Bedeutung — als würde die Erde selbst kurz innehalten, wenn seine Pfoten sie berühren.
Die Völva weiß sofort: Dieses Tier ist kein Tier. Es ist ein Weg. Das Wesen spricht nicht mit Worten — sondern mit Bildern, die sich direkt in ihr Bewusstsein legen wie Spuren im Schnee.
Ein Bild erscheint: Ein Pfad, der sich im Dunkeln windet, aber von unsichtbaren Sternen gesäumt ist.
Ein weiteres: Eine Kreuzung — mehrere Wege, doch nur einer pulsiert leicht, als würde er atmen. Und noch eines: Die Völva selbst, wie sie im neuen Jahr an einer Grenze steht, nicht aus Furcht, sondern aus Entschlossenheit.
Die Tiergestalt bewegt sich näher. Ihre Präsenz ist weder bedrohlich noch unterwürfig — sie ist Führung pur, rein, instinktiv. Sie berührt die Völva nicht, doch sie fühlt den Hauch einer unsichtbaren Schnauze, einer sanften Stirn, direkt an ihrem Herzen. Da flüstert ein Gedanke, klar und still wie eine Quelle: „Der Instinkt ist der älteste Kompass. Folge ihm. Er kennt die Wege, die deine Augen noch nicht sehen.“
Die Völva beobachtet, wie das Tier sich abwendet und ein paar Schritte in den Wald hinein macht. Dann bleibt es stehen. Der Schnee öffnet sich dort — nicht buchstäblich, sondern energetisch. Als würde der Wald einen versteckten Pfad freigeben, den nur jene sehen können, die die Tiere akzeptieren.
Die Völva weiß: Dies ist kein Weg, den sie heute beschreiten soll. Es ist der Weg des kommenden Jahres. Ein Weg, der Mut verlangt — aber nicht Hast. Das Tier blickt ein letztes Mal zurück. Und in ihren Gedanken formt sich die Botschaft:
„Nicht jede Bewegung ist ein Schritt nach vorn.
Manchmal bedeutet Führung: innehalten.
Manchmal bedeutet Instinkt: warten.“
Dann löst sich das Wesen in der Dunkelheit auf — nicht verschwunden, sondern verschmolzen mit der Erde, so wie Tiere es tun, wenn sie Teil eines größeren Rhythmus sind. Der Wald beginnt wieder zu atmen.
