12. Rauhnacht

Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!

 Die Nacht des Lichts!

 Die zwölfte Rauhnacht beginnt nicht abrupt. Sie geht nicht über den Himmel wie Wind. Sie steigt nicht aus dem Boden wie Nebel. Sie entfaltet sich. Langsam. Behutsam. Wie der erste Atemzug eines Neugeborenen. Als die Völva ihre Hütte verlässt, fühlt sie eine Veränderung, die nicht sichtbar ist — aber unbestreitbar. Die Dunkelheit trägt heute eine helle Tiefe, als wäre etwas darin verborgen, das jeden Moment erwachen könnte. Der Schnee wirkt nicht mehr schwer. Er scheint zu leuchten, als würde Licht durch ihn hindurchfließen wie Wasser.

12.Rauhnacht

Der Wald ist ruhig. Nicht starr wie in der Nacht der Stille — sondern wach, lauschend. Die Bäume stehen wie Zeugen. Die Tiere, unsichtbar, halten inne. Selbst der Wind wagt kaum zu atmen. Die Völva spürt: Heute wird sie nicht gerufen. Heute wird sie empfangen.

Sie folgt einem kaum wahrnehmbaren Schimmer, der zwischen den Bäumen flackert wie ein zarter Funke. Am Ende des Waldes öffnet sich eine kleine Lichtung, und in ihrer Mitte steht — ein Kind.

Oder vielleicht eine junge Frau. Oder ein Lichtwesen, das beides ist. Die Gestalt wirkt alterslos, sanft leuchtend, in ein Gewand aus reinem Licht gehüllt, das sich bewegt wie Wasser. Ihr Haar fließt golden, silbern oder weiß — man kann es nicht festlegen, denn es scheint jede Farbe zu kennen, die Hoffnung besitzt. 

Ihr Gesicht ist ruhig. Klar. Zeitlos. Als die Völva näher tritt, fühlt sie keine Ehrfurcht — sondern eine tiefe, stille Wärme. Die Göttin lächelt. Die junge Göttin hebt eine Hand. Auf ihrer Handfläche tanzt ein Lichtfunke, zart wie eine Flamme, rein wie Morgengold. Sie spricht nicht mit Worten, aber die Botschaft durchdringt die Völva wie ein Sonnenstrahl nach langer Nacht: „Dies ist das Licht des neuen Jahres. Nimm es. Trage es. Erneuere dich.“

Der Funke steigt auf, schwebt langsam auf die Völva zu und sinkt in ihre Brust – warm, hell, friedlich. Die Völva fühlt: eine weiche Kraft, ein neues Vertrauen, die Möglichkeit eines Anfangs, die Öffnung eines Weges, der vorher nicht sichtbar war. Und die Göttin sagt in ihrem Herzen: „Licht ist kein Ziel. Licht ist der erste Schritt.“

Die Göttin breitet die Arme aus, und ein Schimmer legt sich über die Lichtung — ein Segen, weich und allgegenwärtig. Der Schnee glüht. Die Bäume glänzen. Die Luft wird klar wie reines Glas. Alles atmet Neubeginn. Die Göttin berührt sanft die Stirn der Völva. Ein Gedanke entsteht darin, hell und unverrückbar: „Was war, darf ruhen. Was wird, darf kommen.“ Dann beginnt das Lichtwesen zu verblassen, nicht wie etwas, das endet, sondern wie etwas, das weiterzieht und sich in der Welt verteilt.

Als die Völva die Lichtung verlässt, strahlt der Schnee so hell, als wäre die Sonne verborgen unter der Erde. Und in ihrem Herzen klingt eine letzte, sanfte Weissagung: „Im neuen Jahr wirst du das Licht nicht nur tragen — du wirst es weitergeben.“

Die Reise der Rauhnächte endet. Die Reise des neuen Jahres beginnt.

error: Content is protected !!