Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!
Die Nacht der Webenden Hände!
Die elfte Rauhnacht beginnt seltsam still — aber nicht so still wie die neunte. Es ist eine aufmerksame Stille, wie der Moment, bevor jemand deinen Namen sagt. Als die Völva hinausgeht, spürt sie sofort eine Energie in der Luft, die zart, aber zielgerichtet ist. Der Schnee glitzert nicht wie sonst im Mondlicht — er schimmert, als würde er von innen leuchten. Heute ist nichts verborgen. Heute ist alles möglich. Die Völva merkt: Dies ist keine Nacht des Empfangens. Dies ist eine Nacht des Gestaltens.
Der Wald führt sie zu einer Lichtung, die sie an die vierte Rauhnacht erinnert — doch nun liegt kein Brunnen dort.
Stattdessen schwebt in der Mitte der Lichtung ein feines Geflecht — wie ein Netz aus Licht, durchzogen von zarten Fäden, die pulsieren wie warme Adern. Um dieses Netz herum tanzen Hände. Keine Körper. Nur Hände — schimmernd, transparent, lebendig.
Sie bewegen sich wie Weberschiffchen, ziehen Fäden, lösen Knoten, öffnen Räume, erschaffen Muster.
Die Völva erkennt sie: Die Hände der Zukunft. Nicht Wesen, nicht Geister — etwas Tieferes. Die schöpferische Kraft dessen, was werden will. Als sie die Lichtung betritt, reagieren die Hände auf sie — nicht bedrohlich, sondern erwartungsvoll.
Ein goldener Faden löst sich aus dem Netz und schwebt direkt vor ihr. Ein Satz entsteht in ihrem Inneren, hell und ruhig: „Nun bist du an der Reihe.“ Die Hände halten inne. Sie warten. Denn die Zukunft will nicht nur gezeigt werden. Sie will mitgestaltet werden.
Vor ihr erscheinen mehrere Fäden, jeder in einer anderen Farbe, jeder vibrierend vor Bedeutung: ein roter Faden: Mut, Durchsetzung, Kraft ein blauer Faden: Heilung, Frieden, Tiefe, ein grüner Faden: Wachstum, Neubeginn, Natur, ein weißer Faden: Klarheit, Wahrheit, Erkenntnis, ein schwarzer Faden: Schutz, Abgrenzung, Wandlung, ein goldener Faden: Segen, Inspiration, spirituelles Feuer.
Sie schweben vor der Völva wie Möglichkeiten. Die Hände der Zukunft fragen — nicht mit Worten, sondern mit einem stillen, brennenden Blick: „Was möchtest du ins kommende Jahr weben?“
Die Völva streckt die Hand aus. Und sie berührt einen der Fäden. Sofort beginnt der Faden zu leuchten, und die webenden Hände greifen ihn auf, verknüpfen ihn mit anderen, ziehen ihn in das große Geflecht hinein. Der Faden verschwindet nicht. Er beginnt zu leben. Ein Muster entsteht — zart, aber kraftvoll Ein Anfang. Die Völva spürt: Was sie gerade gewählt hat, wird sich im kommenden Jahr zeigen — mal deutlich, mal verborgen, aber immer wirksam.
Eine einzelne Hand löst sich vom Netz und legt sich auf die Brust der Völva. Sie ist warm. Sanft. Und doch voller Kraft. Ein leiser Gedanke entsteht:
„Du bist nicht nur Teil des Gewebes.
Du bist eine Weberin darin.“
Als die Hand sich zurückzieht, bleibt ein kaum sichtbarer Lichtfaden in ihrem Herzen zurück, pulsierend wie ein Versprechen. Beim Rückweg spürt die Völva ein feines Ziehen an ihrem Herzen — wie ein Faden, der sich ausstreckt. Und eine sanfte Stimme sagt:
„Alles, was du webst, wird antworten.“
