Die Reise der Völva durch die 12 Rauhnächte!
Die Nacht der Wilden Jagd!
Die zehnte Rauhnacht beginnt mit einem lautlosen Zittern. Der Schnee unter den Füßen der Völva wirkt plötzlich leichter, als würde er schweben statt liegen. Der Himmel ist ungewöhnlich dunkel, trotz der Sterne. Die Luft schmeckt nach Metall, nach Erwartung, nach dem ersten Atem eines Sturms, der noch nicht geboren ist. Die Völva tritt ins Freie und spürt etwas, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hat: Einen Ruf. Nicht leise. Nicht sanft. Ein Ruf, der durch die Knochen geht.
Ein Windstoß fährt über die Landschaft — zu stark für eine winterliche Nacht, zu warm für den Schnee. Dann noch einer. Und noch einer.
Die Wipfel der Bäume beugen sich, als würden sie einem unsichtbaren Heer ausweichen wollen. Plötzlich — ein Lichtstreifen am Himmel.
Kein Blitz. Eher ein glühender Riss, der die Nacht selbst öffnet. Daraus ertönt ein Ton, halb Ruf, halb Hufschlag, halb Donner.
Die Völva weiß sofort, was es bedeutet. Die Wilde Jagd erhebt sich.
Aus dem Riss im Himmel strömen Gestalten — schemenhaft, leuchtend, rasend schnell. Pferde, deren Mähnen aus Wind und Feuer bestehen. Krieger, deren Augen glühen wie Funken im Sturm.
Hunde, die lautlos jagen, aber deren Zähne aus reine Lichtsplittern bestehen. Und an ihrer Spitze: Odin. Nicht in voller menschlicher Gestalt — sondern als stürmendes, vielschichtiges Wesen, halb Gott, halb Wind, halb Ahnung. Sein Mantel ist der Nachthimmel. Sein Speer ein Strahl aus purem Wandel. Sein Pferd, Sleipnir, hinterlässt Funken, die wie Sterne zu Boden fallen. Der Himmel kocht. Die Erde schweigt.
Die Völva steht inmitten der tobenden Energie, und alles in ihr sagt: Lauf. Doch etwas anderes sagt: Steh. Eine Stimme in ihr, älter als jede Angst, lässt sie Wurzeln in den Boden schlagen. Odin wirbelt über sie hinweg, und für einen Augenblick bleibt die Jagd stehen — eine Sekunde, die sich wie eine Ewigkeit anfühlt. Das Auge Odins — ein einziges, strahlendes, durchdringendes Licht — ruht auf ihr. Es brennt nicht. Es richtet nicht. Es fragt. „Hältst du stand?“ Sie atmet aus. Nur das. Ein Atemzug, der klarer ist als jeder Gedanke. Und die Wilde Jagd antwortet mit einem Heulen, das wie Anerkennung klingt.
Während die Jagd wieder an ihr vorbeirauscht, fliegen Bilder in die Sicht der Völva wie Funken in der Dunkelheit: Ein Ereignis im kommenden Jahr, das alles erschüttern wird. Ein Wandel, der zuerst wie Verlust aussieht. Eine Kraft, die daraus geboren wird. Ein Weg, der erst sichtbar wird, wenn das Alte auseinanderbricht. Odin ruft:
„Wandel ist nicht dein Feind.
Wandel ist der Atem der Welt.“
Dann schließt sich der Riss am Himmel wieder, langsam, als würde jemand einen Vorhang zuziehen. Der Sturm fällt in sich zusammen. Der Wind verstummt. Die Nacht wird wieder still. Auf dem Schnee vor ihr liegt ein kleiner, dunkler Splitter — wie ein Stück Nacht, das heruntergefallen ist. Als die Völva ihn aufhebt, fühlt sich der Splitter warm an. Er pulsiert mit derselben Kraft wie der Sturm, aber sanft, gezähmt, als hätte die Wilde Jagd einen Teil ihres Feuers in seine Hand gelegt. In ihm liegt eine Botschaft: „Wenn es laut wird, werde ruhig.“
Als die Völva nach Hause zurückkehrt, fühlt sie den warmen Splitter in ihrer Tasche. Eine Gewissheit begleitet sie: „Etwas wird kommen, das dich prüft — doch du wirst stärker daraus hervorgehen. Der Himmel bleibt still. Aber sie weiß: Er behütet jetzt ihren Weg.
