Warum fällt Vergeben so schwer?

Warum fällt Vergeben so schwer?

Im alltäglichen Miteinander von Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen, Nachbarn kommt es nur zu leicht zu größeren und kleineren „Verletzungen”. Ein erstes Gefühl, das in Menschen ausgelöst wird, ist: Sich mißachtet, betrogen und hintergangen zufühlen. Gefühle von großer Enttäuschung münden in Wut oder Trauer. Sie verbleiben in der Erinnerung, sind umgeben von Ablehnung und Schuldzuweisungen. Sie kreisen im Gedankenkraussel des Hamsterrades, bis hin zu Rachegefühlen und einem Wunsch nach Vergeltung. 

Verbleiben die Gedanken über die Kränkung einen zu langen Zeitraum im Dasein, sind sie in der Lage, Lebensfreude zu nehmen und krank zu machen. Das innere Gleichgewicht ist gestört. Die daraus resultierenden typischen Krankheitsbilder sind: Anspannung, Erschöpfung, Magenschmerzen, Bluthochdruck, Rückenschmerzen. Ein Zitat lautet: Wenn die Seele weint, spricht der Körper: „was tun, damit die Seele wieder lacht“? 

Eine Wunde am Körper wird zunächst gereinigt, mit Arznei versorgt, worauf ein Wundverband erfolgt. Über die Wunde bildet sich Schorf, unter dem die Verletzung ausheilt, sodass der Verband nach kurzer Zeit überflüssig wird. Auch eine emotionale Verletzung kann ein „Trauma“ auslösen und benötigt Zeit, Zuwendung und Pflege. Aus der eigenen Tiefe heraus heilt die Wunde. Mit einem ausreichenden Abstand zum Geschehen, wenn die Versorgung abgeschlossen ist, sollte die Situation mit dem “vermeintlichen Peiniger“, reflektiert werden.  

Durch eine Rückschau auf ein entstandenes, verletzendes Verhalten kann erkannt werden, dass dieses  aus einer angespannten, verzweifelnden Situation heraus entstanden ist. Der Gekränkte nimmt das Verhalten, jedoch in der Regel auf sich personenbezogen wahr.

Hand reichen(c) Trescaminos - Fotolia

Eine konfliktgeladene Situation, die mit unachtsames Verhalten einhergeht, kann vergeben werden. Dies bedeutet nicht, dass man dieses Verhalten gutheißt. Insbesondere dann, wenn durch ein Verhalten Angst oder Gewalt ausgelöst wurde. Diese aufgetretene Situation muß kein zweites Mal erlebt werden, besonders dann, wenn ein Mensch keine Impulskontrolle hat.

Vergebung ist gesunder Eigennutz, mit erfreulicher Weise positiven Auswirkungen auf Kosmos und Karma. Sie vergeben anderen, damit es Ihnen besser geht und nicht, weil Sie ein „erleuchteter“ Mensch sind. Hilfreich sind schamanische Rituale, die dem Bewusstsein helfen, sich zu verändern und sich reinen Herzens mit der kosmischen  Ordnung in Einklang zu bringen.

Zwei Freunde in der Wüste

Zwei Freunde, Roban und Dimos, wanderten in der Wüste. In der Mittagshitze kam es zum Streit um die korrekte Richtung. Im Eifer des Gefechts schlug Roban seinem Freund Dimos ins Gesicht. Entsetzt starrte dieser den Schläger an und zog sich für einige Minuten zurück. Als Dimos wiederkam, nahm er einen Stock und schrieb in den Sand: “Mein Freund Roban hat mich ins Gesicht geschlagen.” Danach gingen sie weiter.

Nach mehreren Stunden kam Dimos auf Treibsand und drohte zu versinken. Roban warf sich auf den Boden und befreite ihn unter enormer Anstrengung aus dem tiefen Sand. Für einen Moment sah es so aus, als ober er selbst mit reingezogen würde.

Nachdem Dimos wiederum festen Boden unter den Füßen hatte, ging er zu einem großen Felsen. Er entnahm seinem Rucksack einen Meißel und schlug die folgenden Worte in den Stein: “Heute hat mir mein Freund Roban das Leben gerettet.”

Kopfschüttelnd beobachtete Roban, was Dimos dort trieb. “Warum hast du meinen Schlag ins Gesicht von heute Mittag in den Sand geschrieben, die Rettung aber in den Stein gemeißelt?”

Dimos lachte: “Ganz einfach, Freund Roban. Wenn mich jemand verletzt, schreibe ich es in den Sand. Der Wind sorgt schnell dafür, dass dieses Vergehen rasch nicht mehr zu lesen ist. So soll es auch in meinem Geist sein. Genau umgekehrt verfahre ich mit den guten Taten. Diese sollen möglichst lange in meinem Gedächtnis haften. Darum meißele ich sie in Stein.”

©Text:  Zwei Freunde in der Wüste: Verfasser unbekannt 

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