Mühlenruine im Moor(c) Angelika Schacht

Die Sonne verlor ganz allmählich ihre Wärme, denn die Abende im Frühling waren noch kühl. Die Feuchtigkeit auf den Grashalmen des trockengelegten Moores begannen silbrig zu glänzen. Mit dem Voranschreiten der Zeit versank die Sonne hinter den Steinen der Ruine, die vom Stand der alten Wassermühle zeugte.

Kein Lüftchen regte sich bei dem sonst so stürmischen Winden hoch im Norden des Landes. In der Dämmerung hielten Fledermäuse nach Nahrung Ausschau, sie drehten immer wieder ihre Runden um das weiße reetgedeckte Haus, das von hohen Bäumen umgeben war. Neumond ließ mich aus den Tiefen meiner dunklen Welt hervortreten. Zeit war es, das schwarze Gewand und den Schleier aus schwarzen Spitzen anzulegen. Die Erde rief mich, etwas Elementares trieb mich hervor aus meinem moorigen Daheim. Zwei meiner Schwestern bestanden darauf, mich zu begleiten und so betraten wir in der Dämerung zu dritt die feuchten Wiesen. Verborgen erreichten wir unser Ziel. Vier Hirsche, drei Schwäne und neun Wildgänse erwarteten uns bereits bei der Ruine. Die lauten Schwingen von zwei großen Störchen zerschnitten Raum und Zeit.

Sonnenuntergang im Moor(c) Angelika Schacht

Die Erde grollt in den Tiefen, sprach der Hirsch mit einer mahnenden Stimme. Aufgeregt erhoben die Schwäne ihre Schnäbel – die Fische, Frösche, Bisamratten fielen ihnen ins Wort. Keinem Vogel blieb es verborgen, die Schmetterlinge und Käfer verkünden es im Flug. Unheil droht der Erde, wieder und wieder soll sie verformt, geknechtet und ausgebeutet werden, zum Wohle derer, die sich mit Menschlichkeit rühmen.

Meine ältere Schwester erhob das Wort. Viele Wesen haben den Ort verzweifelt verlassen, als die Zeit es noch zuließ, sagte sie bekümmert. Als noch tiefe Tümpel die weiten Ebenen überdeckten. Nun grasen Kühe auf den Köpfen unserer verlorenen Schwestern. Großmutter sagt, es ist genug Geduld geflossen. Es gibt kein Entrinnen, keinen Aufschub, um das Ende aufzuhalten.

Meine jüngere Schwester flüsterte leise. Wo soll das hinführen? Es kommt der Tag, da wird kein Tropfen Wasser mehr in unserm dunklen Heim sein. Hört ihr die unzähligen Klagelieder der Feen und Elfen in den dunklen Nächten? Wo sollen wir in Zukunft für unsere verlorenen Schwestern tanzen?

Wir hatten einst den Eid geschworen, das Menschenreich von unserer dunklen, nassen Welt zu trennen, sagte ich, doch es ist Zeit – den Menschen Einheit zu gebieten. Fragende Augen schauten mich erwartungsvoll an. Die Menschen wussten nicht, dass ich – die Herrin der Moore – in die Gedanken der Menschen blicken konnte. Sie ahnten nicht, dass ihre Träume aus meinem Weben stammen. Trüb und finster sollen von heut an ihre Träume sein, sie werden verkümmern an Leib und Seele – dies taten sie einst unseren geliebten Schwestern an. Mein schwarzes Gewand tauschte ich gegen das Graue. Nun war ich bereit.

Ich sprach den Spruch so, wie ich ihn einst von meiner Mutter übernahm. Doch etwas regte sich in mir. War es Neugier, mein Gewissen oder Mitgefühl? Leise lauschte ich dem Atem der Menschen, die ich inmitten der Nacht aufsuchte. Ich schlich mich in die Träume eines kleinen Jungen, der unruhig in seinem Bette neben seiner Schwester schlief. Er träumte von einer riesigen Höhle, aus der es kein Entrinnen gab. Ohne Erfolg versuchte er immer wieder die dicke Mauer zu durchbrechen. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, lautlos schrie er um Hilfe. Ihm dürstete, doch hier gab es keinen Tropfen Wasser.

Im Zimmer nebenan ging seine Mutter auf und ab. Sorgenfalten standen in ihren Mundwinkeln. Immer wieder hatte sie versucht, vergeblich Schlaf zu finden. Laut prasselte der Regen aufs Dach, das undicht war und durch das der Wind pfiff. Die Frau hatte keine Mittel, das Haus war dem Verfall geweiht. Endlich, spät in der Nacht, fand sie ruhelosen Schlaf. Ihr Traum führte sie in ein unübersichtliches Labyrinth. Hinter jeder Ecke wartete die Erinnerungen einer meiner gefangenen, verlorenen Schwestern. Die Frau blieb aus Angst und vor Erschöpfung vor einer weitern Kurve bewegungslos liegen. Verzweifelt trank sie ihre Tränen, die pausenlos über ihre Wangen liefen. Es gab nichts anderes, was sie hätte trinken können. 

War dies mein Ziel? Hatte ich das gewollt? Unruhig schlief auch ich, meine Träume brachten mich, unbeabsichtigt zum Hüter des Wassers. Er saß auf seinem Thron aus Algen und schaute mich mit finsteren Augen. Er erhob seine Stimme und sprach: Du hast Deinen Eid gebrochen, was hast Du Dir dabei gedacht? Nach Rechtfertigungen suchend, dachte ich an den Eigennutz der Menschen, aber ich wusste, er hatte recht. Es gab keine Entschuldigung für mich, ich hatte Unrecht in die Welt gebracht. Ich nehme meinen Spruch zurück, versprach ich. Aber wie geht es mit der Welt, in der wir leben, weiter? Der Mensch wird sich nicht ändern, er wird uns alle zugrunde richten.

Der Herr des Wassers erhob sich bebend von seinem Thron. Laut stieß er seinen Seerosen geschmückten Stab dreimal auf den Boden, die Wellen stiegen über die Ufer der Meere, ein ohrenbetäubendes Beben durchflutete die Welt. Er erhob die Stimme, sie erreichte jeden Winkel der Erde, der Meere und des Himmels. Was mein Wort verkündet, wird sein, sprach er.

Rache ist keine Antwort auf Gier. Er machte eine Armbewegung und formte einen Kreis in die Luft. Dies ist das Tor der Freundschaft, es wird sich viermal im Jahr öffnen, für Menschen die Sehen und Fühlen können. Erkennen wird der Mensch, dass er ein kleines Rad im Weltgeschehen ist. Die Natur mit all ihren Geschöpfen ist unbeherrschbar, sie wird den Weg in die Freiheit finden und gehen. Die Menschen können nur mit der Natur leben, sie wird ihnen niemals untertan sein. 

Begreifen wir die Erde endlich als Freund, den es zu schützen gilt.

©Text: Angelika Schacht
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