Oft haben Menschen mit spirituellen Neigungen den Wunsch, sich an traditionellen Texten und Überlieferungen bestimmter Kulturen zu orientieren. Das Streben nach Worten, Liedern und Ritualen aus der Vergangenheit hat sicher mehrere Gründe. Zum einen soll etwas erhalten und bewahrt werden. Zum anderen wird erhofft, dass beispielsweise ein Ritual, das aus einem traditionellen Kontext kommt, eine besondere Kraft enthält. Eine Herangehensweise um an traditionelles Wissen zu kommen – ist es, sich an alten Weltbildern und Mythen zu orientieren.

Als traditionelles Wissen wird „Wissen” betrachtet, das in einem traditionellen Zusammenhang geschaffen, bewahrt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. Verbunden mit einer lokalen Gemeinschaft, wird dieses Wissen zumeist mündlich bewahrt und weiter erzählt. Einige Formen des traditionellen Wissens finden sich in Geschichten, Märchen, Legenden, Liedern und Ritualen.

Die Wissensinhalte liegen in der Vergangenheit und können somit nicht mehr zurückverfolgt werden. Das Wissen unterliegt aufgrund der sich verändernden Umweltbedingungen einer ständigen Anpassung und Weiterentwicklung – „traditionell“ darf deshalb nicht als „unveränderbar“ verstanden werden.

Ganz zu Beginn meiner schamanischen Ausbildung fragte ich einmal meine schamanische Lehrerin, ob sie während einer schamanischen Reise in die obere Welt – einen Himmel wahrnähme? Meine Lehrerin erklärte, dass sie auf ihren Reisen einen Himmel sähe. Ich erzählte ihr, dass es sich bei meinen schamanischen Reisen ebenso verhielt. Der Grund meiner Frage war, dass in einem schamanischen Buch, welches eine “anerkannte”, erfahrene Schamanin geschrieben hat, dieses Phänomen anders beschrieben wurde. Im Buch las ich, dass es in der oberen Welt keinen Himmel gäbe, dies könne man als Anhaltspunkt und Orientierungshilfe nehmen.

Nachdem meine schamanischen Lehrerin und ich eine ganz andere Erfahrungen gemacht haben, als jene, die im Buch als “gesetzmäßige schamanische Hilfestellung” angegeben wurde, wurde ich kritisch gegenüber dem, was so geschrieben und behauptet wird. In der geistigen Welt hat die Autorin offensichtlich eine Orientierungshilfe erhalten, die “nur” für sie selbst bestimmt war.  

Bei einem Seminar wurde einmal folgenden Test gemacht: Eine ganz kurze Geschichte, mit circa neun Aussagen wurde drei Menschen erzählt, die sich für diesen Versuch freiwillig gemeldet hatten. Im Anschluß wurden alle Teilnehmer aus dem Zimmer geschickt. Nun wurde der Erste der drei Versuchskandidaten zurück ins Zimmer geholt und gebeten, die Geschichte nachzuerzählen. Dieser Vorgang wurde anschließend mit den verbliebenen Teilnehmern wiederholt. Das Fazit dieses Versuchs war, bei allen Teilnehmern fehlten zwischen vier bis sechs wichtige Aussagen.

Auf die Tatsache eingehend, dass traditionelle Überlieferungen auf Weitersagen beruht, liegt es für mich auf der Hand, dass im Laufe der Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit, “Passagen” von Überlieferungen verloren gegangen und/oder hinzugefügt wurden.

Mündliche Überlieferung

Traditionelle Überlieferungen(c) Angelika Schacht

Immer mehr schamanisch Praktizierende orientieren sich “glücklicherweise” an heimischer, oft nordischen Mythologie. Die nordische Mythologie bezieht sich auf Sagen und Mythen skandinavischer Völker, die aus vor- und frühchristlicher Zeit stammen. Gern werden Texte der Edda zitiert und als “Maß aller Dinge” genannt.

Nehmen wir einmal die Texte der “Edda”, sie sollen weit in die heidnische Frühzeit zurückreichen. Historische, mythologische Erzählungen der Edda wurden durch mündliche Überlieferungen über einen längeren Zeitraum “bewahrt”. Es gibt zwei voneinander, zum Teil stark abweichende Fassungen der Edda. Eine Fassung ist anonym, die andere stammt von Snorri Sturluson (er war überzeugter Christ) und war als Lehrbuch für Dichter gedacht.

Die Texte der Edda sollen in der Zeit zwischen 900 und 1220 entstanden sein. Die Snorra Edda wurde rund 200 Jahre nach der Einführung des Christentums auf Island aufgeschrieben. Diese Zeitspanne führt bei einigen Wissenschaftler zu Zweifeln. Kaum vorstellbar ist, dass nach 200 Jahren keine christliche Einflüsse in die Texte der nordischen Mythologie, wie sie von Snorri Sturluson nieder geschrieben wurde, eingeflossen sind. Die Edda ist in altisländischer Sprache verfasst. Es gibt eine Vielzahl an Übersetzungen. Die Übersetzung der Lieder soll sich jedoch als schwierig gestaltet haben. Jeder Übersetzer mußte entscheiden, ob sich der Text am Rhythmus des Vers oder am Inhalt des Originals orientieren solle. Hier fügen sich weitere mögliche “Überlieferungsfehler” ein.

Wenn davon auszugehen ist, dass Überlieferungen im Laufe einer langen Zeitspanne, aus den unterschiedlichsten Gründen verändert wurden, entzieht es sich meiner Einsicht, warum einige Praktizierende darauf beharren und verweisen, dass ausschließlich ein bestimmtes Wort oder ein festgelegter Vorgang, beispielsweise aus der nordischen Mythologie, bzw. dem nordischen Weltbild, verwendet werden soll.

Die überlieferten heiligen Worte, sowie traditionellen Texte und Abläufe, stehen für mich in keiner Weise über den Anweisungen, die eine Schamanin von ihren spirituellen Verbündeten für einen Vorgang erhält. Im Gegenteil, diese Weisungen sind auf das eigene Volk, die eigene Kultur und die vorhandene Zeit “zugeschnitten”. Schamanisch Praktizierende müssen selbst auf eigenen Pfaden zu den hiesigen Geistern gehen, sich mit ihnen verbünden und von ihnen lernen. Auch in unserer Zeit können uns auf einer Geistreise Wesenheiten wie Odin, Frigg, Thor, oder die Runengeister begegnen.

Man muss das Rad nicht neu erfinden, drum bin ich ein Freund davon, auf etwas Bewährtes zurückzugreifen. Jedoch ist bei manch einem schamanisch Praktiziernden sicher auch etwas „Bequemlichkeit” dabei, auf etwas Vorhandenes zurückgreifen zu wollen. Wir Menschen “vergessen” nur zu oft, dass in uns selbst Schöpferkräfte schlummern und darauf warten sich entfalten zu dürfen.

Während einer Krise bei mir oder Menschen die meinen Rat suchen, greife ich weniger zu “heiligen Worten” der Vergangenheit, sondern zu Mitteln und Hilfestellungen meiner unmittelbaren Umgebung. Denn traditionelles Wissen war und ist immer eine “Offenbarung” durch den Kontakt mit den Göttern, Vorfahren und spirituellen Verbündeten/Geistern. 

In der Hinsicht unterscheidet sich traditionelles Wissen – sowie zeitgemäßes spirituelles Wissen – wenig voneinander.

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