Einst wanderte ein Mann unbekümmerten Geistes durch eine prachtvolle Bergwelt. Er erfreute sich an den unbekannten Kräutern und Blumen, die sich im Gras und zwischen den Ritzen der Felsen dem Sonnenlicht entgegen reckten. So vergingen mehrere Stunden und mit einem Mal merkte der Mann, dass er sich verirrt hatte. Mit Sorge betrachtete er die Sonne, die nur noch zur Hälfte über den gegenüberliegenden Gipfel ragte. Um ihn herum wurde es still und dunkel.

Das Problem war, dass es hier oben so hügelig war und die Sicht nur bis zur nächsten Kuppe reichte. Zudem sahen die Wiesen doch alle recht ähnlich aus. Manchmal dachte der Mann, er hätte den Rückweg gefunden, doch jedes Mal kam er an eine charakteristische Felswand oder einen auffälligen Stein, betrachtete diese und war sich sicher, hier noch nicht vorbei gekommen zu sein.

Dann wurde es völlig dunkel. Der Mann setzte seine Schritte nun sehr vorsichtig, da er nicht mehr sah, wohin er trat. Aber dennoch – plötzlich war nur noch Luft unter dem linken Fuß, der Mann konnte seine Vorwärtsbewegung nicht stoppen und er fiel einen Abgrund hinab.

Doch im Fallen konnte er sich an einer Wurzel festklammern, so dass er mit den Beinen in der Luft über der Schlucht hing. Die Wurzel schien sein Gewicht problemlos zu tragen. Er dankte allen Göttern für diesen Halt. Sein Leben war vorerst gerettet.

Doch die Nacht wurde kalt und die Finger des Mannes begannen zu schmerzen. Mit Schrecken wurde ihm gewahr, wie die linke Hand zu zittern anfing. Auch seine Schultern bereiteten ihm große Schmerzen. Der Mann flehte Gott um Hilfe an, doch die Pein wurde immer schlimmer.

Von irgendwo erschall der Schrei einer Eule über das Tal. Der Mann dachte mit einem Anflug unendlicher Trauer, dass dies wohl der letzte Ton war, den er auf dieser Welt hören würde. Er weinte hemmungslos. Die Wurzel rutschte ein Stück durch seine Finger, nun hielt er sich nur noch an den Fingerkuppen. Wie hatte er nur Kummer in dieser Welt empfinden können? Wieso hatte er nicht jede Sekunde vor Dank über das Leben jubiliert? Er würde so gerne weiterleben.

Mit einem schabenden Geräusch entglitt dem Mann die Wurzel völlig aus den Händen. Er fiel in die Tiefe und landete aber sofort auf einem Felsvorsprung, der sich offenkundig die ganze Zeit nur wenige Zentimeter unter ihm befunden hatte. Im Sternenlicht erkannte der Mann, dass neben ihm ein schmaler Pfad verlief. Doch er beschloss, erst den kommenden Tag abzuwarten.

Am nächsten Morgen erwachte der Mann bitterlich frierend, aber innerlich voller nie gekannter Freude. Er streckte die steifen Glieder und schritt vorsichtig den engen und leicht nach unten geneigten Pfad entlang, der jedoch nach einer langgezogenen Kurve in einen gut begehbaren Wanderpfad überging. Innerhalb weniger Minuten konnte er die ersten Häuser zwischen den Tannenzweigen erkennen.

Text: Nacherzählt von Peter Bödeker, Bildquelle: © Fotolia/Adrian Hillmann

 

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